Die Schnieptröte in Zeiten von Corona

Seltsame Zeiten sind es momentan. Zeiten, in denen einem auch ohne Schnieptötenhintergrund die Psyche auf Grundeis gehen kann. Und dafür geht es mir erstaunlich gut.

Zu Beginn der ganzen Coronasache war ich sehr verunsichert. War es erst noch eine Krankheit, die weit weg in China stattfand, kam sie zunehmend näher. Und plötzlich war der Freund einer Kollegin indirekt betroffen und musste von zu Hause arbeiten. Plötzlich begann ich mir Gedanken um diese neuartige Krankheit zu machen. Plötzlich waren die Menschen in der U-Bahn zu dicht und jeder, der nieste, war suspekt. Ob ich wollte oder nicht – meine Gedanken drehten sich ständig um Corona. Morgens im Büro schaute ich als erstes, was es Neues gab und wieviele Menschen inzwischen betroffen waren, und auch wenn die Wochenenden Abstand gaben und ich versuchte, mich nicht um Corona zu kümmern, drehte sich spätestens Montag im Büro doch wieder jedes Gespräch darum. Ich wurde zunehmend unsicher und fragte mich, was passieren würde, wenn ich in Isolation müsste. Ich begann mir Gedanken über Desinfektion und Klopapier zu machen, und obwohl ich eigentlich drüber stehen wollte, begann auch ich, mal eine Packung Nudeln und ein Glas Pesto mehr zu kaufen. Ich hatte Angst davor, am Ende zwei Wochen allein in meinem kleinen Wohnklo sitzen zu müssen und nicht einmal den Müll rasbringen zu dürfen. Angst davor, zwei Wochen komplett allein dort sein zu müssen, während mein Freund bei sich aufm Dorf saß. Und ich hatte Angst, dass das ständige Händewaschen meinen mühevoll abtrainierten Waschzwang wieder befeuern könnte.

Dann kam der Tag, an dem eine Entscheidung getroffen wurde. Nachdem sich meine Kollegin bereits Sorgen gemacht hatte, da ich ja jeden Tag mit dem ÖPNV unterwegs war, nahm auch bei mir die Angst, bei einer Ausgangssperre allein eingesperrt zu sein, Überhand und ich fragte meine Chefs, ob sie einverstanden seien, wenn ich ab sofort von zu Hause arbeiten würden. Sie waren es und so zog ich am selben Abend zu meinem Freund aufs Land. Und von da an wurde es besser. Ich hörte auf, jeden Tag die Meldungen zu verfolgen, sondern richtete mich in der neuen Situation ein. Inzwischen schaue ich nur noch selten Nachrichten. Zugegeben, ich lebe ein wenig in einer Blase und verschließe mich weitstgehend den außergewöhnlichen Zuständen. Aber ich brauche das, um nicht verrückt, meinend noch verrückter zu werden.

Wir halten uns an die Ausgangsbeschränkungen und gehen lediglich zum Einkaufen und in der unmittelbaren Umgebung spazieren. Hier gibt es zum Glück genug Gegend, sodass man auch beim Spazierengehen die meiste Zeit für sich ist. Wenn uns unterwegs dreimal Leute entgegen kommen, bin ich schon genervt. Im Supermarkt stresst es mich, wenn mir die Leute zu nahe kommen. Ich habe mich so gut an die Entschleunigung und den räumlichen Abstand von anderen Menschen gewöhnt, dass ich langsam Angst davor bekomme wie es sein wird, wenn wir uns alle wieder normal auf die Pelle rücken dürfen. Angst davor, wieder in der Großstadt zu sein und das omnipräsente Menschengewusel um mich zu haben.

Der einzige Mensch, den ich momentan regelmäßig (und im Vergleich zu vorher jetzt 24/7) um mich habe, ist mein Freund. Ab und zu plauder ich unter Einhaltung der Abstandsregeln mit dem Nachbarn oder der Postbotin sowie mit den zwei Katzen. Unter der Woche kommen Telefonate mit der Kollegin oder gelegentlich mal eine Videokonferenz hinzu, aber das war’s größtenteils. Gelegentlich gibt’s am Wochenende mal eine Videokonferenz mit der Familie oder mit Freunden, aber generell mag ich mich am Wochenende gerne von der Woche ausruhen und stelle fest, dass mich auch diese Privatkonferenzen nach einer Weile anstrengen.

Es ist einer der Punkte, die ich kurios finde, denn was mein Sozialleben angeht, hat sich für mich nicht allzuviel verändert. Seit der Depression telefoniere ich nur noch ungern, und auch wenn ich gerne am Wochenende einen Stadtbummel mache, durch die Buchhandlung stöber und im Lieblingscafé sitze – ja sogar ein bisschen Rummel und Leben um mich herum brauche – so bin ich doch wenig unternehmungslustig. Nicht, weil ich niemanden sehen möchte, im Gegenteil, ich treffe meine Freunde gerne, aber ich habe einfach nicht mehr soviel Energie wie früher und muss besser mit ihr haushalten. Wenn ich mich mit Freunden treffe, brauche ich anschließend erst einmal wieder Zeit für mich und muss auftanken. Wenn wir in Nicht-Krisenzeiten Ausflüge machen, brauche ich anschließend genug Schlumpfzeit für mich. Wenn ich Urlaub habe, geht es sich besser aus, aber wenn ich fünf Tage die Woche arbeite, reicht am Wochenende die Energie für ein bisschen und dann brauche ich Zeit für mich zum Treibenlassen. Ein Großteil meiner Energie geht noch immer für den Vollzeitjob drauf, der mir aber inzwischen Halt und Struktur gibt, sodass es ok ist, wenn ich nicht jedes Wochenende Energie für Budenzauber und Ringelpietz mit anfassen habe. Es tut mir zur Zeit sogar gut (verrückt, ich weiß, und es sagt einiges über meine Grundannahmen bzw. Glaubenssätze) zu wissen, dass überhaupt niemand großartig etwas machen kann. Ich spüre nicht diesen Zwang, das schöne Wetter genießen und etwas aus meiner Zeit machen zu müssen. Ich muss nichts ausnutzen, kein „Geh doch mal raus, es ist so schön“, kein schlechtes Gewissen, weil „alle anderen“ bei dem schönen Wetter in den Bergen sind, sich mit Freunden treffen, feiern gehen oder sonstwas Geselliges tun, während ich zu Hause profi-schlumpfe. Die Entschleunigung und der Rückzug der Gesellschaft tun mir gerade gut.

Es tut mir gut, nicht jeden Tag den gleichen Trott aus Weg zur Arbeit, Arbeit und Weg nach Hause zu haben. Ich kann vom Bett direkt in mein Büro gehen und die Zeit, die sonst für die Anfahrt drauf geht, anderweitig nutzen. Und unter Einfluss der Hormone ist es hier leichter, noch halbwegs in den Arbeitsmodus zu kommen, wenn ich mich einfach ungeduscht an den Schreibtisch setzen kann und nicht unter Leute muss. Das ist ein großer Vorteil. Dennoch musste ich mich an das Homeoffice erst gewöhnen. Es ist nicht meine ideale Arbeitsform, da ich gerne Arbeit und Privates räumlich getrennt habe. Zum Glück gibt es hier genug Platz, sodass meine Arbeit nicht ständig und überall um mich herumwabert. Ich kann die Tür zu meinem improvisierten Büro dicht machen und muss erst recht nicht „in meinem Büro“ schlafen, wie es zu Hause der Fall wäre. Trotzdem habe ich auch hier mit denselben Problemen zu kämpfen wie im Büro: leiste ich genug? Habe ich nicht schon wieder viel zu viel anderes nebenher gemacht? Sollte ich nicht konzentrierter bei der Sache sein? Momentan versuche ich einfach, meinen Job so gut wie möglich zu machen und auch zu bedenken, dass es zur Zeit einfach eine Ausnahmesituation ist, in der es kein Wunder ist, wenn ich nicht immer hundertprozent konzentriert bin. Es gelingt mal mehr, mal weniger. Und es ist nun einmal so, dass ich keinen systemrelevanten Job habe. Wenn ich also mal einen schlechten Tag habe, hängen keine Leben davon ab. Ich kann den Luxus genießen, gerade nicht alles geben zu müssen.

Dennoch versuche ich, gewisse Routinen zu haben. Nicht immer komme ich morgens gleich gut aus dem Bett, aber ich versuche, eine feste Arbeitszeit zu haben und auch zu einer festen Zeit Feierabend zu machen. Während ich bei der Arbeit für den Gang zum Klo und wieder zurück schon 250 Schritte benötige und für einen Kaffee noch mehr, ist hier alles sehr nah. Ich lasse mich von der Fitnessuhr regelmäßig an Bewegung erinnern und laufe zur Not auch mal stumpf im Kreis, bis ich meine Schritte zusammen hab. Nach Feierabend gehen wir spazieren, damit ich mein Schrittziel möglichst jeden Tag erreiche. Denn auch der Sportkurs, den ich sonst mache, fällt weg. Das Fehlen des Entspannungskurses macht sich jedoch kaum bemerkbar, da mich das Leben auf dem Land und in der Natur gepaart mit dem Fehlen vieler Menschen schon entspannter macht.

Ich muss jedoch aufpassen, und es ist natürlich nicht alles gut und vorteilhaft. So gut ich mich inzwischen auch erspüren kann und so frühzeitig ich inzwischen erkenne, wenn etwas nicht stimmt, kann es immer noch sein, dass ich – gerade bei Veränderungen, die sich langsam einschleichen und dann breit machen – nicht sofort merke, wenn mich etwas stresst. In einem Moment fühle ich mich noch gut, und dann kommt eine Kleinigkeit ums Eck und lässt ein Fass überlaufen, von dem ich gar nicht wusste, dass es fast voll war. Hormone sind da noch immer dankbare Meuterer, die mich mit dem nackten Arsch zuerst anspringen und als heulendes Elend zurücklassen. Dann noch irgendeine andere Kleinigkeit dazu und es knallt. Dazu kommt, dass ich seit fast fünf Wochen ein Gast bin. Natürlich bei meinem Freund, und natürlich bin ich auch kein Gast in dem Sinne. Aber es ist nicht meine Wohnung, sind nicht meine Sachen und ich habe nur die paar Klamotten dabei, die ich vor vier Wochen nach Feierabend noch schnell in den Koffer geschmissen habe. Und natürlich ist noch immer Unsicherheit da. Wie wird es weitergehen? Wann geht es zurück ins Büro? Wann können wir unseren Urlaub, den wir absagen mussten, nachholen? Natürlich ist das ein Luxusproblem, und als kinderloses Paar ohne Kurzarbeit sind wir in einer bequemen Position. Aber der Urlaub ist etwas, worauf ich mich sehr gefreut hatte, denn reisen, rauskommen, neue Impule bekommen, die Routine unterbrechen, Neues sehen und erleben, ist für meine Psyche immer sehr wichtig.

Ich weiß nicht, wie es weiter gehen wird, das weiß ja niemand zum jetzigen Zeitpunkt so genau. Alles in allem komme ich aber zur Zeit sehr gut zurecht. Die Entschleunigung, der räumliche Abstand zu fremden Menschen – im Großen und Ganzen tut mir das sogar gut. Momentan jedenfalls. Mit jeder neuen Woche unter diesen Umständen kann sich das ändern. Irgendwann werde ich vielleicht wieder in die Stadt wollen, und wenn es wieder so weit ist, werde ich es genießen, wieder mit Freunden Kaffee trinken und Pizza essen gehen zu können, in meinem Lieblingscafé zu sitzen und mit meinen Klapsis frühstücken gehen zu können. Aber bis es soweit ist, versuche ich, die Situation als Atempause anzusehen und mir des Luxus‘ bewusst zu sein, dass weder mein Freund und ich in Kurzarbeit müssen, dass wir nicht Homeschooling und Homeoffice unter einen Hut bringen müssen und dass wir keine Vorerkrankungen haben, die uns zu Mitgliedern einer Risikogruppe machen. Und wenn dann irgendwann wieder dieses „normal“ eintritt, werde ich versuchen müssen, mich wieder an all die Menschen zu gewöhnen…

2 Gedanken zu “Die Schnieptröte in Zeiten von Corona

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