Bye bye, 2019!

2019 neigt sich dem Ende. Es war ein besonderes Jahr für mich, denn es war das erste Jahr seit längerem, in dem mal nichts bergab ging, in dem ich nicht krank geschrieben war, in dem ich nicht auf der Krisenstation oder in der Tagesklinik saß, und in dem ich von Anfang bis Ende wieder gelebt habe.

Am 1. Januar 2019 um Mitternacht verbrannte ich meine Depression. Symbolisch, versteht sich, denn sonst hätte ich meine Seele in Brand stecken müssen, und gebrannt hat meine Seele in den letzten Jahren auch so wahrlich schon genug. Symbolisch jedoch habe ich der Schnieptröte endlich mal ordentlich Feuer unterm Hintern gemacht. Mit Erfolg. Jaja, wir wissen alle, dass es nicht am Akt des Verbrennens lag, sondern an all der Therapiearbeit, die in den Kampf gegen die Schnipetröte geflossen ist. Aber wichtig war es trotzdem. Und sie brannte auch so schön…

Das Jahr brachte mir so ziemlich als Erstes den Herrenbesuch, und das war das Wichtigste. Oft glaube ich, dass seinetwegen alles besser wurde, aber bei genauerer Betrachtung stimmt das natürlich nicht. Es wurde besser, weil ich viel dafür getan habe. Weil ich es geschafft habe, in Bewegung zu kommen, mir Hilfe zu suchen und diese Hilfe auch anzunehmen. Weil ich etwas verändert habe, auch wenn es schwer war und viel Energie gekostet hat. Aber es war gut, es war wichtig und es war richtig. Die Aufwärtsspirale begann auch schon vor dem Herrenbesuch: Ende 2018 konnte ich endlich die Wiedereingliederung abschließen iund Vollzeit arbeiten und ich war endlich für ein paar Tage in London, wo ich es genossen habe, wieder zu erkunden und entdecken. Ich war wieder im Rennen. Und Anfang 2019 habe ich es (mit Skepsis und Pessimismus) geschafft, Schritte zu gehen, die mir am Ende den Herrenbesuch einbrachten. Ich glaube, dass ich auch ohne ihn dahin gekommen wäre, wo ich heute bin. Aber es hätte vielleicht länger gedauert. Mein Herrenbesuch ist gewissermaßen mein Katalysator. Und dafür bin ich dankbar.

Das sich dem Ende neigende Jahr war auch sonst ein Jahr der Veränderungen. Ich habe einen neuen Job gefunden, der mir Spaß macht und dessen Arbeitsbedingungen sich ziemlich gut mit der Schnieptröte vereinbaren lassen. Ich war auf Reisen, ich habe neue Menschen kennengelernt, habe einige Menschen aus meinem Leben ziehen lassen, habe angefangen, die Dosis der Mackendrops zu verringern und in Sachen Therapie bin ich nun im Level „Sie melden sich, wenn Sie wieder einen Termin möchten“ angekommen. Die Dosisverringerung der Mackendrops bringt leider mit sich, dass meine alte Zwangsstörung immer mal wieder in niedriger Dosierung auf den Plan kommt. Gleichzeitig ist das aber Teil einer weiteren, großen Veränderung: ich kann besser damit umgehen und merke, dass ich den Kapriolen meiner Psyche nicht mehr hilflos ausgeliefert bin.

Die Schnieptröte ist noch immer ein Teil von mir und wird es wohl auch (noch eine gute Weile) bleiben. Das Gute ist, dass ich viel im Umgang mit ihr gelernt habe. Ich spüre besser, was in mir vorgeht, und wenn man merkt, was gerade passiert und versteht, was gerade los ist, ist es wesentlich einfacher, gegenzusteuern. Ich merke endlich, wie ich mich gerade fühle, welche Emotionen so in mir herumdüsen – und zwar nicht erst, wenn es zu spät ist. Ich kenne inzwischen einige der Gefahrenpotenziale, die mich durchlässiger machen und der Schnieptröte Angriffsfläche bieten:

  • Bestimmte Zeiten im Zyklus lassen mich emotionaler werden
  • Wenn ich auf der Arbeit zu lange ohne Kollegenkontakt in meinem Einzelbüro vor mich hindümpel
  • Wenn ich auf der Arbeit zu wenig oder oder einen längeren Zeitraum zu viel zu tun habe
  • Wenn ich in meiner Freizeit zu viel oder zu wenig Routine habe
  • Länger anhaltende körperliche Gebrechen, die mich mürbe machen und dann auch auf die Psyche „überspringen“

Es ist oft eine Gratwanderung, den Korridor zu treffen, in dem die Balance genau richtig ist, und zu merken, wann es kippt. Doch ich erkenne inzwischen die Warnzeichen besser:

  • Wenig Energie für Haushalt oder Sozialkontakte
  • Niedergeschlagene Stimmung
  • Gereiztheit dem Herrenbesuch gegenüber
  • Gereiztheit und „Explosionspotential“ durch Überforderung bei zuvielen Reizen, die auf einmal auf mich einprasseln (laute Umgebung, viele optische Reize, viele Menschen, etwas, das nicht funktioniert und jemand, der etwas von mir möchte, und am besten alles zur gleichen Zeit)
  • Ich schlafe viel, ohne mich ausgeruht zu fühlen
  • Bei der Arbeit fühle ich mich wie ein Marathonläufer auf den letzten Metern und jede Minute zieht sich ewig lang hin
  • Morgens wache ich auf und habe sofort einen riesigen Widerwillen gegen das Aufstehen und alles, was darüber hinaus geht

Wenn ich merke, dass sich Warnzeichen häufen oder dringlicher werden, versuche ich inzwischen, frühzeitig gegenzusteuern, z.B. indem ich morgens tatsächlich nicht aufstehe, sondern mich krankmelde und mir ein oder zwei Kranktage gönne. Tatsächlich ist es dann meist schon besser. Weitermachen, zusammenreißen, Augen zu und durch, jeder hat mal keine Lust, wird schon, wenn Du erstmal da bist – ich lerne, wann das auf mich zutrifft und es tatsächlich mal besser ist, mich zusammenzureißen und doch loszugehen, und wann es einfach alles nichts hilft und im Bett bleiben das einzig Wahre ist. Ich lasse mir nicht reinreden, weil ich mich inzwischen gut kenne. Und wenn ich merke, ich möchte etwas wirklich überhaupt nicht, dann mache ich es nicht. Oder wenn ich etwas zwar schön fänd, aber merke, es wird mir zuviel, dann mache ich es nicht. Manchmal frage ich mich schon, ob ich keinen Antrieb habe oder nur keinen Bock oder gerade faul bin. Meist merke ich den Unterschied, und manchmal ist es mir auch einfach egal, was von beidem es ist. Dann mache ich Dinge, die ich erledigen wollte, einfach nicht. Und siehe da, sie laufen nicht weg, die Welt geht nicht unter und ein paar Tage später ist noch immer früh genug. Und ich merke, wann die Depression „aus mir denkt“ und wann ich es selbst bin. Da gibt es Tage, an denen ich meinen Job und alles, was damit zusammenhängt, richtig doof finde, obwohl er mir sonst Spaß macht und ich meinen Arbeitsplatz mag. So langsam falle ich jedoch nicht mehr darauf rein. Ich erinnere mich an das Gefühl, das ich an den Tagen habe, an denen ich für meinen Job brenne: wie sehr ich ihn dann mag und wie froh ich bin, ihn gefunden zu haben. Inzwischen führt das dazu, dass in meinem Kopf dann nicht mehr die „Oh Scheiße, was passiert jetzt, neulich mochte ich meinen Job doch noch, ich will nicht wieder was Neues suchen, geht das jetzt alles von vorne los, oh Schande, ich falle wieder ins Loch“-Spirale losbricht und ich den Gedanken gelassener begegne. Weil ich weiß, dass es die Parolen der Schnieptröte sind, und dass sie auch wieder verpuffen. An diesem Dreieck aus Denken, Handeln und Fühlen, in dem sich alles gegenseitig beeinflusst, ist schon was dran. Man muss es „nur“ erkennen und verinnerlichen.

Warum schreibe ich den ganzen Sermon eigentlich überhautpt auf? Hat es mich nicht selbst zu den Zeiten, als ich mitten drin steckte im Schnieptröten-Elend runtergezogen, wenn anderen die Sonne aus dem Arsch schien und sie auf Twitter in jedem Tweet verkündeten, wie toll es doch geworden sei und wie super es inzwischen liefe und wie sehr ihnen die Sonne aus dem Arsch schiene und wie toll es sei und überhaupt? Ja, das hat es. Aber es hat mir auch gezeigt, dass die Dinge sich ändern können. Dass man etwas dafür tun kann, dass es besser wird, sofern einem dabei geholfen wird. Dass man bei Depressionen tatsächlich etwas tun und ändern kann, auch wenn es sich so anfühlt, als würden die Dinge nie wieder besser werden. Das hat mir Hoffnung gegeben, und diese Hoffnung hat mich durchgebracht. Die Hoffnung, dass es irgendwann wieder besser wird. Weil ich mit diesem Leben noch lange nicht durch bin.

Jede/r hat eine unterschiedliche Ausgangsbasis. Einigen fällt es leichter, Hilfe zu suchen oder anzunehmen als anderen. Einige haben mehr Hürden zu umschiffen als andere, und einige haben mehr Herzensmenschen, die dabei unterstützen als andere. Wir haben alle unterschiedliche Depressionen, und was die einen können, scheint für die anderen unmöglich. Aber bitte verliert nie den Glauben daran, dass ihr etwas bewirken könnt, so schwer es auch fallen mag. Nehmt Hilfe an, wenn ihr sie bekommen könnt. Wenn ihr selber nicht nach Hilfe für Euch suchen könnt, bittet andere, Euch zu unterstützen. Schaut nicht auf das, was ihr nicht könnt und nicht schafft, sondern auf das, was ihr könnt. Das kann sein, morgens überhaupt aufzustehen, das kann sein die Zähne zu putzen, das kann sein etwas zu essen zu machen oder das kann sein einen Tweet zu verfassen. Vielleicht ist es auch das pure Überleben. Aber ihr alle könnt etwas. Ihr seid alle wertvoll, egal, was die Depression Euch sagt, und ihr seid es alle wert, dass Euch geholfen wird – egal, wie klein die Depression Euch macht und egal wie sehr sie Euch erinredet, andere hätten die Hilfe nötiger als ihr. Wenn ihr überhaupt groß darüber nachdenken müsst, ob ihr Hilfe braucht oder ob andere die Hilfe nötiger haben, dann ist die Frage oft schon beantwortet…

Seid gut zu Euch in 2020 und gebt nicht auf. Ihr seid nicht alleine.

2 Gedanken zu “Bye bye, 2019!

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