Leben nach der Depression

Die Depression schickt mir immer mal wieder kleine Erinnerungen an die vergangenen drei Jahre. Daran, dass es eine Scheißzeit war. Und daran, dass ich auf mich achten muss.

Viel Zeit ist seit dem letzten Beitrag vergangen, und viel ist passiert. Ich habe einen Partner gefunden und ich war mit ihm auf einer tollen Reise. Ich habe einen neuen Job und arbeite seit fast fünf Monaten wieder Vollzeit. Ich verdiene wieder mein eigenes Geld und bin nicht mehr von Krankenkasse und Arbeitsamt abhängig. Und: in der Therapie und in der Medikation bricht der Herbst an – beides neigt sich dem Ende zu. Bin ich denn nun wieder gesund? Ich nehme mich nicht mehr als Patientin wahr. Ich stehe wieder größtenteils auf eigenen Beinen und habe das Gefühl, wieder ich zu sein, auch wenn es zwischendurch Phasen gibt, in denen meine Depression den Finger hebt und krächzt, hallo, ich bin noch hier. Doch die letzten drei Jahre scheinen Wirkung zu zeigen: ich kann immer besser damit umgehen. Lange glaubte ich, aus der Therapie gar nicht so viel Praktisches mitgenommen zu haben. Irgendwie kam es mir immer so vor, als wirke dieses ganze Therapieding irgendwie unbewusst. Ich glaube, das tut es auch. Jedenfalls ein Teil. Aber inzwischen habe ich gemerkt, dass ich tatsächlich auch viel Handfestes habe, und dass sich meine Haltung verändert hat.

Zurück auf Los?

Bei der Zwangsstörung damals war das Ziel klar: die zwanghaften Gedanken und Handlungen in den Griff bekommen und wieder normal im Sinne von zwangsbefreit funktionieren. Das hat auch weitestgehend geklappt. Gelegentlich meldet sich der Zwangszwerg mal, aber ich funktioniere wieder wie vorher. Mit der Depression klappt das nicht. Während ich anfangs noch dachte, nach all der Therapiegedöns und Klinikkram würde ich mein Leben ebenfalls dort weitermachen können, wo mich die Depression aufs Abstellgleis geschoben hat, ist mir inzwischen klar, dass mein Leben gar nicht mehr so wie vorher sein KANN – und auch gar nicht sein soll. In einem Gespräch mit meinen Klapsis berichtete einer von ihnen genau das: er finde sich damit ab, dass es nicht mehr so werden wird wie vorher, und dass er vielleicht auch nicht mehr so belastbar ist wie vorher. Und das sei ok so.
Ja, dachte ich, Du hast Recht. Es muss gar nicht wieder so werden wie vorher. Wir haben so viel gelernt in Therapie und Klinik, dass wir Dinge anders machen können. Und es ist ok, wenn wir nicht mehr so belastbar sind, nicht mehr so belastbar sein wollen, wie früher. Ich habe inzwischen einen neuen Job, der viel weniger aus Deadlines und stundenlangen Meetings ohne einen Mehrwert für meine Arbeit besteht. Es ist vielleicht nicht mehr ganz so spannend wie im alten Job, der mir trotz allem am Herzen lag, und im neuen Job dauern Dinge absurd lange. Aber ich kann in Ruhe arbeiten, und es ist der Raum da, selbstbestimmt in Reihenfolge und Tempo zu arbeiten. Ich merke: das reicht. Ich bin kein Mensch, der Karriere machen muss, mit der Arbeit verheiratet ist, und sich über Leistung definiert. Ich bin weniger belastbar als andere und ich muss auf mich aufpassen. Auf mich aufpassen, das bedeutet für mich: wahrzunehmen, wie es mir geht, überlegen, warum es mir so geht, und dann handeln, damit es mir besser geht. Das ist nötig, und das ist ok so.

Wahrnehmen, wie es mir geht

Wie geht es mir eigentlich? Ich weiß nicht, ob andere Menschen das immer beantworten können (mal abgesehen vom routinemäßigen „Gut“ auf die Frage „Wie geht es Dir?“ – ob man da oberflächlich antwortet, weil man nicht ehrlich sein will, oder weil man gar nicht weiß, wie es einem wirklich geht, ist nochmal ein anderes Thema). Ich kann oft gar nicht richtig sagen, wie es mir eigentlich geht, obwohl das eigentlich so banal klingt. Meist ist es ein diffuses gut, oder ein diffuses irgendwie nicht so gut, ohne dass ich selbst mehr dazu sagen könnte. Aber dieses Aufpassen beeinhaltet genau das: spüren, wahrnehmen und benennen können, wie es mir tatsächlich geht. Es nicht nur bei gut oder nicht gut zu belassen, sondern zu differenzieren. Manchmal bin ich gestresst, nicht in guter Stimmung, aber ich merke das erst einmal nicht.
Dank der Therapie nehme ich das inzwischen schneller wahr. Wenn dieser Zustand über mehrere Tage anhält, wenn ich schnell gereizt bin, wenn ich mich bei der Arbeit nicht konzentrieren kann und ohne offensichtlichen Grund niedergeschlagen bin. Inzwischen nehme ich das wieder besser wahr, da es kein normaler Dauerzustand mehr ist, sondern die Ausnahme. Diese Zustände fallen viel mehr auf, wenn sie ansonsten von guten Tagen mit guter Stimmung, Konzentration und Freude umgeben sind. Dieser Kontrast lässt mich schlechte Tage wieder viel besser wahrnehmen. Und was ich wahrnehme, kann ich analysieren.

Was ist gerade im Busch?

Ich habe durch all die Therapie sehr gut gelernt, mein Verhalten und meine Gefühle zu reflektieren. Das ist eine große Hilfe, denn selbst, wenn ich den Grund für schlechte Tage nicht spüre, kann ich meistens doch sehr gut analysieren, was dahinterstecken könnte. Oft ist es gar nicht so offensichtlich, und manchmal ist es einfach zu offensichtlich.
Es kann zum Beispiel sein, dass bei der Arbeit zu wenig zu tun ist. Ja genau, zu wenig. Ich habe festgestellt, dass ich gut funktioniere und Spaß habe, wenn ein gewisses Level an Forderung da ist, wenn viel zu tun ist, aber ich trotzdem weiß, dass ich es gut bewältigen kann. Wenn nur ein paar langweilige Aufgaben auf meinem Tisch liegen, bekomme ich ein Antriebsproblem und muss mich zwingen, vorwärts zu kommen. Ein bisschen Tempo über einen begrenzten Zeitraum, das tut mir gut. Ständige Langeweile zieht mich jedoch runter. Wichtig ist jedoch die Balance. Genauso kann es aber auch sein, dass ich in meiner Freizeit zuviel Routine habe – oder zu wenig Zeit für mich.
Oder die Hormone sind Schuld. Oft zeigt mir erst ein Blick in den Kalender, an welcher Stelle im Zyklus ich gerade stehe. Nicht selten folgt dann ein Aha-Erlebnis, da ich inwzischen die Auswirkungen meines Zyklus‘ auf meine Psyche recht gut kenne. Wenn es hinkommt, dass die Hormone für ein Tief verantwortlich sein können, entspanne ich mich oft schon, denn diese Ursachensuche hilft mir bei der Unterscheidung, ob gerade etwas ernsthaft die Böschung runter geht, oder ob es ein normales Tief ist, dass auch Menschen ohne psychische Herausforderung haben. Für mich ist diese Unterscheidung wichtig, denn sie kann mir die Panik ersparen (oder zumindest abschwächen), ob „es wieder losgeht“ oder ob es einfach ein stinknormales Tief ist, das gar kein Grund zur Sorge ist.

Handeln!

Wenn ich es schaffe, wahrzunehmen wie es mir geht, und herauszufinden, warum es mir so geht, fällt es mir inzwischen leichter, dann Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die variieren, je nach Situation. Seit ich wieder Vollzeit arbeite, gab es zwei Tage, an denen ich morgens einfach nicht aufstehen konnte. Ich kam nicht aus dem Bett, weinte, fühlt mich überfordert von allem und alles gute Zureden meines Partnes half nichts. Ich wollte einfach nur liegen bleiben. Und das tat ich dann auch. Ich meldete mich bei der Arbeit krank, hatte zwar ein schlechtes Gewissen, wusste aber auch, dass es richtig war. Sobald der Druck, aufzustehen und funktionieren zu müssen, weg war, fühlte ich mich bereits etwas erleichtert. Ich verbrachte den Tag im Bett, schlief viel und vertraute darauf, dass es am nächsten Tag wieder besser sein würde. Und tatsächlich war es das auch. Zwar war meine Stimmung noch ein, zwei Tage etwas gedrückt, aber ich konnte morgens wieder aufstehen und zur Arbeit gehen. Inzwischen hatte ich auch Tage, an denen ich morgens einfach die Augen nicht aufbekam, und keine Lust hatte, aufzustehen. Meist döse ich dann noch ein bisschen länger (Gleitzeit sei Dank!) und stehe etwas später auf. Ich merke dann: ich will zwar nicht, aber ich kann. Wichtiger Unterschied!
Dann gibt es Tage, an denen ich auf laute Geräusche reagiere und sehr schnell von der alleinigen Gegenwart anderer Menschen gereizt bin. Von den Menschen allgemein um mich herum, aber auch von meinem Partner. Wichtig ist es dann für mich, dass ich merke, dass es an mir liegt, und nicht an ihm. Ich bin innerlich angespannt, fühle mich gehetzt und gestresst. In solchen Situationen trete ich die Flucht an und versuche, die äußeren Reize zu reduzieren: Ich sehe zu, dass ich irgendwohin komme, wo es ruhiger ist, lege z.B. das Smartphone beiseite, um die Anzahl der Impulse, die auf mich einprasseln (so zumindest das Gefühl) zu reduzieren oder bitte meinen Partner, mich mal für eine Weile in Ruhe zu lassen. Dann kann es sein, dass wir schweigend Abendbrot essen und ich mich danach kurz hinlege oder duschen gehe, bis ich merke, dass ich ruhiger werde. Im Büro mache ich meine Tür zu oder gehe allein zum Mittagessen.
Ich habe inzwischen gelernt, dass es für mich wichtig ist, Aktivitäten und Kontakte auf einem Level zu halten, dass ich zwischendrin immer genug Zeit für mich habe. Noch immer bin ich nicht gut darin, soviel Kontakt zu Freunden oder Familien zu haben, wie ich es gern hätte. Oft sind mir Telefonate zu anstrengend oder ich will gerade keine Nachrichten schreiben. Und dann höre ich auf mich und zwinge mich nicht. Kann und will ich eine Verabredung oder ein Telefonat gerade, oder lieber nicht? Und wenn nicht, dann verabrede ich mich nicht, oder telefoniere nicht. Das hat rein gar nichts mit den Menschen zu tun, mit denen ich dann nicht telefoniere oder mich nicht treffe, sondern nur damit, dass ich auf meine Ressourcen achte. Kann und will ich das oder brauche ich gerade Zeit für mich? Ich kann nicht jeden Tag nach der Arbeit noch Verabredungen haben und die Wochenenden voll verplanen. Ich brauche Zeit, die unverplant ist, weil ich mich sonst schnell gestrest fühle. Das hat dann gar nichts damit zu tun, was ich mache oder wen ich treffe, sondern einfach damit, dass ich nicht genug Schlumpfzeit für mich hab. Gleichzeitig muss ich aber aufpassen, dass ich nicht in Routine ersticke. Wenn ich jeden Morgen denselben Bus nehme, dieselben Gesichter sehe, am Wochenende immer dieselbe Routine habe, werde ich irgendwann auch wahnsinnig und habe das Gefühl, festzustecken. Manchmal ist das ein Gratwanderung, und die richtige Einstellung der Regler zu finden, ist häufig noch schwierig. Wenn ich jedoch merke, dass es mir an Schlumpfzeit fehlt, versuche ich, Luft zu schaffen. Dann schlafe ich am Wochenende so lange, bis ich von selbst wach werde. Mache im Haushalt wirklich nur das Nötigste und überlege, wonach mir ist. Meinen Sommerurlaub habe ich verlängert, da ich schon im Vorfeld gemerkt habe, dass alles zu knapp geplant war und in Stress ausarten würde. Für die Zeit zwischen den Urlauben habe ich mir den Brückentag freigenommen, um die Rountine zu unterbrechen und einen Miniurlaub auf dem Weg zum richtigen Urlaub zu haben.
Ich versuche, immer etwas zu haben, auf das ich mich freuen kann. Das kann eine Verabredung sein, eine Unternehmung mit meinem Partner, ein Urlaub oder ein Familienbesuch. Und ich versuche, mir die guten Momente besonders bewusst zu machen. Wie auch mitten in der Depression nutze ich Instagram, um gute Momente festhalten und eintuppern zu können. Auf Twitter bekam ich den Tip, gute Momente auf einen kleinen Zettel zu schreiben und in ein großes Glas zu werfen. So werden sie sichtbar und man kann sie immer wieder in Erinnerung rufen.
Wenn alles nichts nützt, habe ich natürlich noch immer die Therapie. Manchmal steckt tatsächlich etwas dahinter, was wir dort besprechen können, manchmal bekomme ich dort aber eben auch die nötige Erinnerung daran, dass schlechte Phasen auch ganz einfach und banal schlechte Phasen sein können. Auch meine Klapsis sind da gute Ratgeber und Erinnerer. Sie erinnern mich entweder daran, dass es auch mal so sein darf, oder sie erinnern mich an Techniken, die wir in der Klinik gelernt haben.

„Was haben Sie in der Therapie gelernt?“

Diese Frage stellte meine Therapeutin kürzlich. Ich nahm diese Frage zum Anlass, über all die Dinge, die ich oben ausgeführt habe, nachzudenken und zu überlegen, was eigentlich im Alltag inzwischen gut funktioniert. Neben all dem Gelernten glaube ich zwar auch, Glück gehabt zu haben. Dass mein Partner und ich zur selben Zeit am selben „Ort“ waren, war Glück. Dass ich den Job bekommen habe, der mir Spaß macht, war Glück. Dass meine Nichte letztes Jahr geboren wurde, war ebenfalls nicht mein Verdienst (und ein großes Glück!). Doch es war mein Verdienst, dass ich überhaupt dafür gesorgt habe, dass mein Partner mich an dem Ort finden konnte, weil ich dort war. Es war mein Verdienst, dass ich mich für den Job beworben habe und mich im Bewerbungsgespräch so dargestellt habe, wie ich bin. Vielleicht war das die wichtigste Erkenntnis meiner Therapie: ich brauche Veränderungen, um meiner Depression den Nährboden zu entziehen, und ich muss ins Handeln kommen, um diese Veränderungen zu erreichen (dass der Weg dorthin schwierig war, steht auf einem anderen Blatt… Siehe auch „Was hat Dir denn nun geholfen?“). Und nun, wo so viele der Aspekte, die den Nährboden für meine Schnieptröte bildeten, nicht mehr da, oder nicht mehr so relevant sind, bleibt das Handeln einer der zentralen Punkte.

Zur Erinnerung: ich schreibe hier wie immer über MEINE Depression und MEINEN Umgang damit. Jede Depression ist anders, und jede*r Depressive hat andere Voraussetzungen. Falls sich jemand etwas von mir abgucken kann, was sie oder ihn weiterbringt, freue ich mich sehr. Es lassen sich jedoch keine Verallgemeinerungen von mir auf andere Betroffene ableiten.

6 Gedanken zu “Leben nach der Depression

  1. Ich ziehe meinen Hut vor dir. Dass du es geschafft hast, deine Depression zurückzudrängen, aber auch, dass du es immer wieder schaffst, das zu reflektieren und darüber zu reden.

  2. Zum ersten Absatz unter „Zurück auf Los?“ fällt mir ein, wie meine ehemalige Therapeutin auf meine Klage, es möge doch bitte wieder alles wie früher sein, meinte: „Das Früher hat Sie hierher gebracht. Wollen Sie wirklich da wieder hin?“ Daran denke ich oft, wenn ich wiedermal anfange zu vergleichen.

    Zu allem: ach, ich drück dich einfach. Möge es genau so weiter gehen. <345

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s