„Was hat Dir denn nun geholfen?“

Disclaimer: Dies ist kein Ratgebertext und stellt keine Handlungsempfehlung dar. Er spiegelt lediglich meinen persönlichen Therapieweg und dessen einzelne Bausteine wider. Wer möchte, darf ihn als Denkanregung verstehen – professionelle Hilfe ersetzt er nicht. Dies ist gleichzeitig der einzige wirklich wichtige Ratschlag, den ich geben möchte: wenn ihr von Depressionen oder anderen psychischen Störungen betroffen seid, sucht Euch professionelle Hilfe. Kontaktadressen und Informationen zum Weg in die Psychotherapie findet ihr in den Links.

Es geht mir gut. Und zwar nicht einfach gut im Sinne von „nicht so schlecht wie sonst“, sondern wirklich gut. Der Antrieb ist immer noch etwas launisch, aber die Stimmung ist so stabil wie lange nicht mehr. Was war es denn nun, was geholfen hat? Auf Twitter bekomme ich diese Frage immer mal wieder gestellt. Und ich habe selbst schon oft darüber nachgedacht, denn wenn es nach so langer Zeit irgendwann besser wird, kommt doch die Frage auf, was ich nun „richtig“ gemacht habe und was zuvor „falsch“. Leider gibt es bei Depressionen keine einfache Formel wie Bakterien = Antibiotikum, deshalb soll es heute darum gehen, was mir in meiner Depression geholfen hat.

Nach den ganzen Ereignissen des vergangenen Jahres schien es nach Krisenstation, Klinik, Wiedereingliederung etc. tatsächlich bergauf zu gehen, und so hatte ich Ende 2018 symbolisch meine „Schnieptröte“, meine Depression, verbrannt und beschlossen, dass 2019 mein Jahr werden würde. Inzwischen sind die ersten drei Monate des neuen Jahres bereits rum, und bisher sieht es wirklich so aus, als sei dies endlich mein Jahr. Endlich, nach fast drei Jahren, in denen es erst immer schlechter wurde, dann nicht bergauf ging und schließlich 2018 so richtig kacke wurde.
Die Frage danach, was genau mir geholfen hat, ist nicht in einem Satz zu beantworten, und das, was ich dazu sagen kann, mag für andere Betroffene unbefriedigend sein. Es gibt keine kurze und knackige Antwort, es gibt nicht einmal eine allzu konkrete Antwort. Ein Geheimrezept, etwas Wundersames, etwas, das nicht auch in allen Ratgebern zum Thema Depression stünde, war es nicht. Und genau genommen möchte ich nicht einmal von „Heilung“ oder „gesund“ sprechen. Es geht mir gut, schon seit einigen Monaten, aber noch kann ich nicht sicher sein, dass diese Episode zu Ende ist, und sicher sein, dass es das jetzt ein für allemal war, kann ich sowieso nicht. Vielleicht klingelt die Depression in einigen Wochen, Monaten oder Jahren wieder an der Tür. Und vielleicht werde ich dann wieder da stehen und nicht wissen, was ich tun kann. Vielleicht werde ich dann nach einer neuen Lösung suchen müssen. Vielleicht erfordert jede Episode ihr eigenes, individuelles Therapierepertoire. Und auch jede Depression an sich ist anders. Es gibt bestimmt ebenso viele verschiedene Ausprägungen von Depressionen wie es Betroffene gibt. Daher kann es überhaupt nicht DAS Mittel gegen Depressionen geben. Niemand sollte daher diesen Text lesen und auf ein Wunder hoffen. Aber vielleicht kann er Anregungen geben oder ein wenig Mut machen. Mut, dass es auch ohne Wundermittel irgendwann bergauf gehen kann.

Medikamente

Der für mich wichtigste Schritt war und bleibt der zur professionellen Hilfe. Da ich bereits früher psychische Probleme hatte, nahm ich noch Medikamente ein, als die Depression zuschlug. In psychiatrischer Behandlung war ich daher, aber nach einer Weile wurde deutlich, dass die Medikation angepasst werden musste. Die Frage, ob Antidepressiva eingesetzt werden sollen oder nicht, muss letzten Endes jede*r selbst für sich entscheiden. Es gibt gute Gründe, die dagegen sprechen, aber auch sehr viele gute, die dafür sprechen. Ich habe mich damals, als sich meine Zwangsstörung zu manifestieren begann, ohne langes Nachdenken dafür entschieden, weil ich keine Kraft mehr hatte, und ich glaube, dass die Medikamente meine Ängste und Anspannung auf ein Level heruntergeschraubt haben, das es mir ermöglichte, mich auf die anstrengende Psychotherapie einzulassen. In Sachen Zwänge war sie am Ende sehr erfolgreich, und ich bin nicht sicher, ob ich ohne medikamentöse Unterstützung die Kraft gehabt hätte, mich der ganzen Sache so nachhaltig zu widmen. Als ich depressiv wurde, habe ich mit meiner Psychiaterin viele Medikamente und Dosierungen ausprobiert. Immer wieder neu haben wir überprüft, ob es mir mit dem Medikament noch gut geht, oder ob etwas  daran gedreht werden muss. Ist die Stimmung gut? Wie sieht es mit dem Antrieb aus? Welche Nebenwirkungen gibt es und komme ich mit ihnen klar? Ganz ohne Nebenwirkungen ist außer Zucker wohl kein Medikament, aber bisher hat für mich der Nutzen überwogen. Wichtig ist es, keine zu hohen Erwartungen an eine medikamentöse Behandlung der Depression zu haben. Es gibt kein Wundermittel, das nach zwei Wochen alle Probleme beseitigt. Aber es kann helfen, die Stimmungstiefs weniger tief werden zu lassen und so Abwärtsspiralen zu bremsen.
Eines der Entstehungsmodelle von Depressionen sieht eine Mischung aus Genetik, Stoffwechsel und sozialen Faktoren wie Erziehung und Umfeld für die Entstehung von Depressionen verantwortlich. Wenn man sich ein wenig mit diesem Modell befasst, wird deutlich, dass Antidepressiva in den Hirnstoffwechsel eingreifen und diesen positiv beeinflussen können. Allerdings bleiben dann noch immer die anderen, Depressionen begünstigende Faktoren, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Depression beteiligt sind. Und sie lassen sich nicht einfach mit Chemie aus dem Weg räumen. Bei leichten Depressionen mag das noch angehen (da kenne ich mich allerdings nicht aus), aber eine hartnäckige Schnieptröte wie meine erforderte einen Therapiemix, der nicht nur aus Mackendrops besteht. Das Medikament, was mir aktuell hilft, habe ich zwar am Tiefpunkt auf der Krisenstation bekommen (später mehr dazu), aber die Zusammenarbeit mit meiner Psychiaterin ist und bleibt ein wichtiger Eckpfeiler für mich.

Arbeitsunfähigkeit

Die Psychiaterin war es auch, die mich wieder und wieder krank (=arbeitsunfähig) geschrieben hat. Im Nachhinein kann man überlegen, ob die lange Dauer der Arbeitsunfähigkeit sinnvoll war, oder ob mir eine frühere Wiedereingliederung ins Arbeitsleben auch schon früher Struktur gegeben hätte, die hilfreich gewesen wäre. So oder so war die Arbeitsunfähigkeit jedoch wichtig für mich, denn sie hat erst einmal eine Menge Druck herausgenommen und es mir ermöglicht, mich auszuruhen. Eine Depression kann mit einer wahnsinnigen körperlichen Erschöpfung einhergehen, und für mich war es gut, meinem Körper die Ruhe zu gönnen. Nicht mehr funktionieren zu müssen war eine Erleichterung. Die Arbeitsunfähigkeit hat es mir auch erlaubt, Dinge zu tun, die ich als Ablenkung empfunden habe. Das hat nicht immer geholfen, aber zumindest hatte ich den Rahmen, der es mir ermöglicht hat, mich eine Zeit lang nur um mich zu kümmern und herauszufinden, was mir gut tut. Gerade zu Beginn der Depression war es ein Stochern im Nebel. Einige Dinge haben geholfen, andere nicht, und nach einer Weile hat es sich geändert: Was vorher half, war plötzlich nicht mehr gut für mich. Die Arbeitsunfähigkeit hat es mir ermöglicht, dass ich das bisschen Kraft, das die Depression mir ließ, nicht im Büro abrief, um dann nicht mehr manövrierfähig zu Hause im Bett zu liegen, sondern dass ich sie dafür einsetzen konnte, mich auf meine Genesung zu konzentrieren. Und die Suche nach Genesung und Besserung kostet immer Kraft. Ganz abgesehen von den fortlaufenden Krankschreibungen und der Suche nach einem passenden Medikament, war und ist meine Psychiaterin eine wichtige Ansprechpartnerin für mich. Ich habe das Glück, dass sie sich Zeit für mich nimmt, mir zuhört und ggf. Vorschläge macht, welche Wege es noch gibt, die ich gehen kann. Auch in Sachen Bürokratie mit der Krankenkasse hat sie mir zur Seite gestanden und sich für mich eingesetzt. Psychiater*innen können eine wichtige Funktion erfüllen, nämlich die Anerkennung der Depression als Krankheit. Das klingt banal, kann aber Mut machen, wenn es jemanden gibt, der oder die dem Leiden einen Namen gibt, also eine Diagnose stellt, und Schritte einleitet.

Psychotherapie

Meiner Zwangsstörung sei Dank hatte ich bereits Therapieerfahrung, als meine Depression angewanzt kam. Gute Therapieerfahrung, wie ich dazusagen muss. Das betrachte ich als großes Glück, denn die Therapeutin, bei der ich damals die Verhaltenstherapie machte, war eine wirklich gute Therapeutinnenseele. Das ist wichtig, denn ich glaube sehr fest daran, dass das gute Verhältnis zwischen Therapeut*in und Patient*in einen großen Einfluss auf den Erfolg der Therapie hat. Wenn ich mich ernst genommen fühle, wenn ich der Therapeutin vertrauen kann, und wenn noch dazu die Chemie stimmt, kann ich mich leichter öffnen. Dann kann ich von Scham- und Angstbesetztem reden, dann kann ich sämtliche Karten offen auf den Tisch legen und genau das ist wichtig, damit die Therapie fruchtbar sein kann. Wenn ich meinem Arzt nur die Hälfte der Symptome erzähle, ist es wahrscheinlich auch eher Glückssache, ob die Diagnose ins Schwarze trifft und eine wirkungsvolle Therapie gestartet werden kann. Die Frage, ob ich mich in psychotherapeutische Hände begeben sollte, war also weniger eine Prinzipienfrage als mehr eine Frage der Einsicht. Denn anfangs glaubte ich noch, dass es sich bei meinen Stimmungsschwankungen und Tränen um ein vorübergehendes Tief handelte. Es war eine weitere Verschlechterung und sanfter Druck aus dem Freundeskreis nötig, bis ich begriff, dass es kein vorübergehendes Tief war. Ab dem Moment war jedoch klar, dass es ohne Therapie nicht gehen würde. Diesen Prozess halte ich für den wichtigsten im Genesungsprozess: die Einsicht, alleine nicht wieder in die Spur zu kommen sowie der Schritt, sich Hilfe zu suchen. Ob diese Hilfe nun auch Medikamente beinhaltet oder nicht, muss jeder selbst entscheiden, aber die Klärung, ob Psychotherapie auf kurze oder lange Sicht empfehlenswert ist, halte ich für einen Grundstein des Therapierepertoirs. Als Kassenpatient*in hat man je nach Therapieform zwischen fünf und acht probatorische Sitzungen pro Therapeut*in, für die keine Genehmigung der Kasse nötig ist, und die völlig unverbindlich sind. Merkt man nach zwei oder drei Treffen (oder auch bereits nach dem ersten), dass die Chemie nicht stimmt, kann man weitersuchen. Die Suche kann lang und frustrierend sein, besonders, wenn es kaum Termine gibt. Aber grundsätzlich bietet das Prinzip der probatorischen Sitzungen die Gelegenheit, recht unkompliziert solange auszuprobieren, bis die Therapeutin oder der Therapeut gefunden ist, mit der oder dem die Chemie stimmt und eine Therapie erfolgsversprechend scheint. Gute Ansprechpartner sind auch die Ambulanzen von psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten, wo man meist schneller an Termine herankommt, dort allerdings mit Psychologinnen und Psychologen arbeitet, die sich noch in der Ausbildung zur Therapeutin oder zum Therapeuten befinden. Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht. Der Weg in die Therapie kann verwirrend sein, aber Hausarzt, Psychiater*in oder Beratungsstellen wie der sozialpsychiatrische Dienst, können behilflich sein. Die Einsicht, dass es alleine nicht mehr geht und professionelle Hilfe nötig ist, ist ein großer und wichtiger Schritt. Ohne diese Einsicht wird es schwer, denn die Mitarbeit in der Therapie ist nötig.
Mein Weg führte mich für ca. zweieinhalb Jahre zur Psychoanalyse, da ich nach meiner ersten Verhaltenstherapie das Gefühl hatte, tiefer buddeln zu müssen, um an den Kern meiner psychischen Probleme zu gelangen. Dies ist ein schwieriger und intensiver Weg, der mir viel gebracht hat, aber nach geschätzt 180 Sitzungen bei einer Frequenz von zwei bis drei Sitzungen in der Woche nicht mehr der richtige für mich war. Während der Zeit auf der Krisenstation und in der Tagesklinik wurde mir klar, dass die Psychoanalyse meine Bedürfnisse nicht mehr erfüllen konnte, sodass ich mich zu einem Therapieformwechsel entschied. Seitdem mache ich wieder eine Verhaltenstherapie, deren praktische Orientierung mir sehr dabei hilft, endlich wieder nach oben zu klettern.

Ergotherapie

Nach einiger Zeit der Arbeitsunfähigkeit bot mir meine Psychiaterin an, es einmal mit Ergotherapie zu versuchen. Wörtlich übersetzt heißt das Arbeitstherapie und zielt darauf ab, über Tätigkeiten wie zum Beispiel malen oder andere kreative Tätigkeiten, Hirnareale zu aktivieren, die in der Depression „verkümmert“ sind. Zunächst sperrte ich mich, denn ich wollte keine Bilder malen und heruminterpretieren, was darin zu sehen ist. Außerdem wollte ich keine Ausdrucksformen für meine Gefühle finden, da Worte mein Mittel der Wahl sind. Sowohl der Blog als auch meine Twitter-Dialoge mit meiner Depression helfen mir dabei, kreativ auszudrücken, was in mir vorgeht (mehr dazu später). Ich fand also, Körbe flechten und Bilder malen sind nicht mein Weg. Allerdings fand ich einen Ergotherapeuten, der auf Körperpsychotherapie spezialisiert ist, und das war letzten Endes ausschlaggebend für mich, es doch zu versuchen. Bei ihm wurde nicht gebastelt oder gemalt, sondern geredet, gefühlt und entspannt. Er zeigte mir Entspannungstechniken und half mir dabei, in mich reinzuspüren und besser wahrzunehmen, was in mir vorgeht. Ich bin nicht sicher, wieviel diese Termine wirklich gebracht haben, denn erst in der Tagesklinik hatte ich das Gefühl, von Achtsamkeit und Entspannung profitieren zu können. Vielleicht war während der Ergotherapie die Zeit noch nicht reif, und vielleicht stimmte auch die Chemie nicht zu 100%. Dennoch war die Ergotherapie ein guter Weg für mich, wieder etwas mehr mit mir in Kontakt zu kommen, sie gab mir eine Struktur, indem sie mir neben der Psychotherapie einen weiteren Termin verschaffte, zu dem ich aus dem Haus gehen musste, und in den Gesprächen bekam ich immer wieder Denkanstöße, die mir dabei halfen, meine Situation zu akzeptieren, manchmal aber auch kritisch zu hinterfragen.

Physiotherapie

Neben der Ergotherapie bat ich im Auftrag meiner Psychiaterin meine Hausärztin um eine Verordnung für Physiotherapie. Einerseits, weil ich wie andere depressive Menschen auch nicht nur innerlich angespannt, sondern auch äußerlich verspannt war. Andererseits hatte ich von Freunden zum Geburtstag einen Massagegutschein geschenkt bekommen und fand die sanften Berührungen wohltuend. Es gibt sogar Studien, die besagen, dass Körperkontakt bei Depressionen helfen kann. Da ich keinen Partner hatte, der mich in den Arm hätte nehmen können und die Familie weit weg ist, suchte ich auf diesem Weg nach Körperkontakt (es geht dabei nicht um sexuellen Kontakt, sondern rein um die Berührung durch einen anderen Menschen). Es gab also eine Verordnung für Massage und Fango und damit ebenfalls wieder Termine, die meinem arbeitsunfähigen Alltag etwas Struktur gaben und mich unter Leute brachten. Berührung und Entspannung mag nicht für jeden etwas sein, und leider ist die Anzahl der Termine, die man auf Kosten der Krankenkasse bekommen kann, sehr begrenzt. Wenn man Massagen jedoch etwas abgewinnen kann, kann es durchaus einen Versuch wert sein.

Sport

Sport ist ein Thema, das immer wieder im Zusammenhang mit Depressionen diskutiert wird. Den einen hilft es sehr, bei anderen zeigt sich keine positive Wirkung, vielleicht sogar eher eine negative. Im ersten Jahr meiner Krankschreibung ging ich regelmäßig ins Fitnessstudio und zum Schwimmen. Wenn schon meine Psyche zerklumpt war, wollte ich wenigstens meinen Körper einigermaßen in Schuss halten. Der Sport tat mir gut, und ich fühlte mich tatsächlich etwas besser in meiner Haut. Da ich jedoch von Natur aus kein sportlicher Typ bin und mich immer zur Bewegung zwingen muss, ließ mein Eifer irgendwann nach. Noch dazu fing ich im zweiten Jahr der AU mit einer Wiedereingliederung in den Job an und war dann so damit beschäftigt, mit den geänderten Umständen klar zu kommen, dass für den Sport einfach keine Energie mehr blieb. Fakt ist dennoch, dass Bewegung bei Depressionen hilfreich ist, da sie Hormone im Hirn ausschüttet, die dabei helfen können, sich besser zu fühlen. Wie ich später in der Tagesklinik lernte, ist es dabei erstmal nicht wichtig, dass man ins Fitnesstudio geht und sich einen straffen Trainingsplan erstellt. Wichtig ist, dass man sich überhaupt bewegt. Das können beispielsweise regelmäßige Spaziergänge oder Nordic Walking sein. Wichtig ist, so die Ärztin in der Klinik, dass man wieder Spaß an der Bewegung bekommt, und nicht, dass man ein Sportpensum erfüllt. Dies ist ein guter Hinweis für Sportmuffel wie mich, die sich zum Sport immer aufraffen müssen und geneigt sind, die Flinte ins Korn zu werfen, wenn das Pensum nicht erfüllt wird. Sport ist noch immer nichts, was mir ohne Überwindung leicht fällt, aber das gute Gefühl, das ich nach dem Sport habe, kenne ich und weiß, dass es im Kampf gegen die Depression hilfreich sein kann.

Unterstützende Menschen

Dieser Aspekt ist für mich sehr wichtig. Zwar habe ich mich im Verlauf der Depression immer mehr und mit Ansage von Freunden und Familie abgekapselt, insbesondere von denen, die nicht vor Ort sind und somit ein Telefonat erforderten. Trotzdem ist es enorm wichtig gewesen zu wissen, dass es Menschen gibt (und zu denen gehören auch diejenigen, von denen ich mich zurückgezogen habe, weil Telefonate eine zu große Hürde für mich waren), die zu mir halten und die für mich da sind – auch, wenn ich sie vernachlässige. Vernachlässigt habe ich mit Sicherheit auch diejenigen, die vor Ort sind. Umso dankbarer bin ich dafür, dass ich Menschen um mich herum habe, die mich immer mal wieder behutsam aus meinem Schneckenhaus herausgelockt haben und mir ein bisschen Ablenkung beschert haben. Denen ich nichts erklären musste und die ein Auge auf mich hatten. Diese Treffen waren wertvoll, denn für ein paar Stunden konnte ich das Gewicht der Depression vergessen. Wichtig war es dabei für mich, darauf zu achten, dass mir ein Treffen machbar erschien. Geburtstagsfeiern oder Veranstaltungen mit vielen Menschen habe ich abgesagt, da ich mich im kleinen Kreis mit ein oder zwei Leuten wohler fühlte. Dies hat etwas mit Selbstfürsorge zu tun, die ebenfalls ein wichtiger Aspekt in der Therapie von Depressionen ist.
Während meines Aufenthalts in der Tagesklinik kamen außerdem meine „Klapsis“ hinzu: andere Betroffene, mit denen ich acht Wochen lang Höhen und Tiefen durchschritten hatte, die dieselbe Krankheit, aber manchmal eine andere Ausprägung hatten und mit und von denen ich viel gelernt habe. Mit diesen Menschen treffe ich mich heute noch und wir unterstützen uns, wenn es nicht geradeaus läuft. Das Verständnis von anderen Betroffenen und der Austausch mit ihnen ist für mich wichtiger geworden, als ich es für möglich gehalten hätte. Eine Selbsthilfegruppe habe ich nie besucht, aber mit den Klapsis habe ich dennoch eine gefunden.

Twitter

Es mag sonderbar klingen und ist wahrscheinlich nicht für jeden nachvollziehbar. Doch die Möglichkeit, auf Twitter kurz und anonym über meine Depression schreiben und mich mit anderen Betroffenen austauschen zu können, war enorm wichtig für mich. Es gibt keine Verpflichtung zum Schreiben oder Antworten und hat damit eine wohltuende Unverbindlichkeit, die mir Kontakte ohne Druck ermöglicht. Wenn mir danach war, schrieb ich, wenn nicht, ließ ich es bleiben. Die Kontakte, die durchs gegenseitige Lesen, Faven und Retweeten entstanden, sind mir noch immer eine große Hilfe. Sie sind unsichtbare Gesellschaft, die Mitgefühl, Verständnis und Anerkennung gibt und gleichzeitig nichts fordert. Das macht es einfacher, selbiges zurückzugeben. Lange Zeit war die Kürze der Tweets (140 bis 280 Zeichen) das Maximum dessen, was meine Konzentrationsfähigkeit zu lesen zuließ. Wenn ich keine Kraft hatte, mich aus dem Haus zu bewegen und Kontakt zu Freunden oder Familie zu suchen, war Twitter immer eine einfache Option, trotzdem nicht ganz einsam im Bett zu liegen.

Krisenstation

Es gab einen Zeitpunkt in meiner Krankheitsgeschichte, an dem ich das Gefühl hatte, überhaupt nicht vom Fleck gekommen zu sein. Objektiv gesehen ist das nicht richtig (ich hatte bereits viel über meine Depression gelernt, hatte in der Psychoanalyse viel über mich und meine Verhaltens- und Denkmuster gelernt, hatte meinem Körper die Auszeit gegeben, die er brauchte, hatte mich aus Tiefs wieder an die Oberfläche gearbeitet und hatte es an den Punkt geschafft, an dem eine erste Wiedereingliederung möglich war), aber als ich fast anderthalb Jahre nach Beginn meiner Arbeitsunfähigkeit erneut in ein Loch abrutschte, war es fürs Erste nicht mehr wichtig, was ich bereits erreicht hatte. Was zählte war, dass ich durch verschiedene Faktoren an einem Punkt angelangt war, an dem ich das Gefühl hatte, nicht mehr weiter zu kommen und auch keine Kraft mehr zu haben. Und dieses Gefühl war so stark, dass klar war: so wie bisher geht es nicht weiter. Ich sprach mit meiner Therapeutin und meiner Psychiaterin und wir alle waren uns einig, dass ich erst einmal aus der akuten Krisensituation herauskommen und vorrübergehend die Verantwortung für mich abgeben müsse. Ich war nicht suizidal, konnte aber auch nicht mehr für mich selbst Sorge tragen (Essen, Haushalt, Einkauf etc.). Meine Psychiaterin nahm die Organisation in die Hand und ich hatte Glück: bereits am selben Tag konnte ich auf der Krisenstation einchecken. Es war eine enorme Erleichterung, die Verantwortung für mich abgeben und die Möglichkeit nutzen zu können, mich ohne weitere Verpflichtungen nur mir selbst widmen zu können. Tägliche Therapiegespräche, regelmäßige Oberarztgespräche, die Anpassung meiner Medikation sowie Kontakt zu anderen Betroffenen waren in dieser Situation sehr wichtig und hilfreich. Sie halfen mir bei der Erkenntnis, dass trotz aller bisherigen Bemühungen eine größere Änderung notwendig war, denn ich verstand, dass ich feststeckte, und soviel ich auch bisher gelernt hatte – es fehlte an entscheidenden Schritten, die mich raus aus der permanenten Problembetrachtung und rein zurück ins Leben brachten. Die Gespräche mit den Therapeutinnen und Therapeuten bestätigten dies: mit dreimal Psychoanalyse in der Woche drehte sich mein Leben nur um die Probleme, die ich inzwischen sehr gut kannte. Eine Lösung musste her.

Tagesklinik

Auf der Krisenstation bestätigte man, was meine Psychiaterin und ich bereits angedacht hatten: eine Änderung musste her und der Weg der Wahl hinaus aus der Stagnation war ein Aufenthalt in einer Tagesklinik. Ich hatte mich gegen eine vollstationäre Klinik entschieden, da ich nach der „Auszeit“ auf der Krisenstation nach und nach wieder selbst in die Lage kommen wollte, meinen grundlegenden Alltag zu meistern und zudem Angst davor hatte, in der Klinik unter „künstlichen“ Bedingungen zu funktionieren, aber anschließend bei der Rückkehr in meinen Alltag und dem plötzlichen alleine funktionieren müssen direkt wieder überfordert zu sein. Also wurde es die Tagesklinik. Diese hatte einen verhaltenstherapeutischen Ansatz, von dem ich mir praktische Hilfe versprach. Die Anmeldung erfolgte direkt über die Krisenstation und auch dieses Mal hatte ich Glück und konnte gleich im Anschluss an die Krisensation mit der Tagesklinik beginnen. Das achtwöchige Programm, das folgte, bestand aus verschiedenen Bausteinen. Neben zwei Therapiegesprächen à 50 und 10 Minuten pro Woche gab es verschiedene Gruppentherapien, die immer zusammen mit den Mitgliedern der zugeteilten Bezugsgruppe stattfanden. Neben der Psychoedukation, die wichtiges Wissen über die Krankheit Depression und ihre Therapie vermittelte, wurden uns verschiedene Skills an die Hand gegeben, mit denen wir z.B. depressive Löcher oder Grübelschleifen meistern können (auf die einzelnen Inhalte werde ich hier nicht eingehen, aber es gibt viel Hilfreiches, das einem von Profis vermittelt werden kann). Des Weiteren gab es Achtsamkeitstrainig, Kunsttherapie, Bewegungstherapie, Nordic Walking, eine Sportgruppe sowie Zeiten, die mir der Bezugsgruppe ohne therapeutische Begleitung gestaltet wurden. Für das leibliche Wohl war gesorgt und der teilstationäre  Klinikaufenthalt war zeitlich mit der Ausübung eines Jobs vergleichbar: Montag bis Freitag waren wir bis nachmittags in der Klinik, an den Wochenenden mussten wir zu Hause alleine über die Runden kommen.
Für mich war der Aufenthalt in der Tagesklinik sehr wertvoll. Zum einen hatte ich eine tolle Therapeutin, die mir viel mitgegeben hat und die mich in meiner Vermutung bestärkte, dass ein Wechsel von der Psychoanalyse zur Verhaltenstherapie sinnvoll sein könnte. Diesen Wechsel leierte ich nach der Klinikzeit an und bin bis heute sehr froh über diesen Schritt. Profitiert habe ich auch von der Vermittlung von Fertigkeiten im Umgang mit der Depression sowie dem Hintergrundwissen zur Entstehung von Depressionen. Alle anderen Gruppentherapien haben mir ebenfalls viele hilfreiche Fähigkeiten und Denkanstöße mitgegeben, aber neben der Einzeltherapie war meine Bezugsgruppe mit am wichtigsten. Der direkte und persönliche Austausch mit anderen Betroffenen war sehr wichtig, und die gemeinsame Zeit in der Klinik hat zusammengeschweißt. Noch heute, ein halbes Jahr später, sehen wir uns regelmäßig und unterstützen uns, soweit es geht. Seit der Zeit in der Tagesklinik hatte ich keine schwerwiegenden Einbrüche mehr.

Arbeit

Während der Arbeitsunfähigkeit habe ich zwei Versuche der Wiedereingliederung in meinen Beruf unternommen (die Arbeitsunfähigkeit besteht solange, bis die Wiedereingliederung erfolgreich abschlossen und eine Wiederaufnahme der vollen Arbeitszeit erreicht ist). Der erste endete mit meinem Aufenthalt auf der Krisenstation, der zweite war erfolgreich und endete mit meiner Vollzeit-Rückkehr an den Arbeitsplatz. Zu Beginn meiner Arbeitsunfähigkeit war an Arbeit nicht mehr zu denken. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, war nicht mehr aufnahmefähig, meine Kreativität war praktisch nicht mehr vorhanden und ich fühlte mich nur noch schlecht, genervt, gestresst und überfordert. In dieser Phase war Arbeit kontraproduktiv und riss mich immer tiefer in den Abwärtsstrudel. Später jedoch, nach einer langen Erholungs-, Lern- und Therapiephase, gab die Arbeit meinem Alltag Struktur, ich genoss es wieder, unter Menschen zu sein und bekam langsam das Gefühl zurück, wieder etwas leisten zu können. Es fühlte sich gut an, eine Aufgabe zu erledigen, die mir wieder Spaß machte und Stück für Stück wieder zu erfahren, dass ich etwas bewirken kann. Meinen neuen Job werde ich im Mai beginnen und freue mich bereits jetzt darauf. Ich habe eine Tätigkeit gefunden, die meinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht und Arbeitsbedingungen, die zu mir und meinem jetzigen Standpunkt auf der Genesungsleiter passen. Ich hoffe, dass mir die neue Arbeit ein gutes Gefühl geben und Spaß machen wird, sodass wieder eine Depressionsbaustelle langsam zugeschüttet werden wird.

Humor

Eine Ressource, über die ich verfüge, ist mein Humor. Er ermöglicht es mir immer wieder, Distanz zu Gedanken oder Gefühlen zu schaffen, die mich sonst verschlingen würden. Wann immer es mir möglich ist, versuche ich, meine Depression ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Man könnte es auch Galgenhumor nennen. Manchmal ist der Grat schmal, dann kann Humor schnell zu einer Abwehr werden, die verhindert, dass man sich mit den wichtigen Dingen beschäftigt, und die einem unangenehme Emotion vom Hals hält. Humor kann aber auch dabei helfen, zumindest für einen Augenblick eine gesunde Distanz zur Depression zu schaffen. Mein Weg war und bleibt es, meine Depression als Mitbewohnerin zu betrachten, die sich in meiner Wohnung breit gemacht hat und ein normales Leben an allen möglichen Ecken sabotiert, dazu permanent Tomatensaft säuft, ohne Unterlass herumnörgelt und ständig altes Zeug vom Dachboden in der Wohnung verteilt. Aus dieser Vorstellung heraus entwickelten sich kurze Dialoge zwischen meiner Depression und mir, in der mal sie den kürzeren zieht und mal ich, und in denen ich meine aktuellen Stimmungen verarbeite. Twitter ist der Kanal, auf dem ich diese Dialoge mit anderen teile. Zum einen hilft es mir dabei, Stimmungen auszudrücken und die Depression greifbarer zu machen, zum anderen hat sich im Laufe der Zeit aber auch schon herausgestellt, dass andere von diesen Dialogen (und somit von meiner Ressource Humor) profitieren. Das wiederum freut mich, und ein bisschen stolz macht mich das auch. Ich kann also hier die so genannte Selbstwirksamkeit erfahren, kann erkennen, dass ich etwas tun kann, was dazu führt, dass es mir zumindest zeitweise etwas besser geht und das mir und sogar anderen Freude macht.

Zeit

Die Zeit heilt alle Wunden. Es ist ein abgedroschener Satz, und ich würde ihm niemals uneingeschränkt zustimmen. Vom alleinigen Sitzen und Warten auf Heilung wurde meine Depression nicht besser. Sie erfordert den Willen zur Veränderung, die Bereitschaft, immer wieder an die Grenzen zu gehen, sich auf die Therapie einzulassen, auch wenn es schwer ist. Aber bei alledem brauchen die nötigen Veränderungen auch schlicht Zeit. Psychische Leiden, die zum Teil über Jahre entstanden sind, lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen wegtherapieren. Es dauert, bis Probleme identifiziert sind, bis Denkmuster und Verhaltensweisen sich ändern, und oft braucht es auch einfach Zeit, bis der oder die Betroffene zu der Einsicht gelangt, dass professionelle Hilfe nötig ist. Aufgrund der begrenzten Anzahl an Therapieplätzen kann es dann dauern, bis die eigentliche Therapie beginnen kann, und bis diese dann anschlägt, kann je nach Ausprägung der Depression wieder Zeit vergehen. Zwischendurch braucht es immer wieder auch Zeit, die Veränderungen zu begreifen und anzunehmen, aber auch, um das Erreichte sacken und ruhen zu lassen. Nicht immer kann man aktiv etwas tun. Manchmal muss man sich auch Zeit zum Verdauen geben und darauf vertrauen, dass das Unbewusste in der Zwischenzeit ohne uns weitermacht und arbeitet.

Farbe

Auf der Krisenstation fand ich die Kunsttherapie doof, doch in der Tagesklinik hat es plötzlich gefunkt und ich begann, Spaß am Fabulieren mit Farbe zu bekommen. Ich legte mir nach und nach eigene Farben und Papier für Zuhause zu und begann, dort herumzupütschern. Was ich machte war abstraktes Verteilen von Farben auf Papier, ich interpretierte selten etwas herein, sondern erfreute mich einfach an den Farben und Formen und nicht zuletzt am Machen. Die „Farbarbeit“ verschaffte mir Ablenkung und eine Tätigkeit, die so ganz anders war als die Dinge, die ich sonst in meiner Freizeit machte. In der Klinik hatte ich außerdem ein Farbsystem für mich gefunden, mit dem ich Stimmungen oder Gefühle bewertete. Oft konnte ich nicht genau sagen, wie es mir ging, aber als meine Therapeutin fragte, ob der Tag eine Farbe hätte, konnte ich sofort antworten. Fortan hatten einzelne Stimmungen spezielle Farben und das erleichterte es mir, herauszufinden, was gerade in meinem Inneren vor sich ging. Tage, an denen ich mich gut fühlte, an denen Schönes passierte und ich Spaß hatte, waren zum Beispiel maracuja-gelb, während bestimmte Situationen, in denen ich mich aus Gründen unwohl fühlte, eher dunkelblau waren.

Glück

Der am wenigsten greifbare und wahrscheinlich auch am wenigsten beeinflussbare Aspekt ist Glück. Und vielleicht ist es auch nicht nur Glück, sondern das Ergebnis aller Bemühungen, die irgendetwas verändert und dazu geführt haben, dass Dinge sich langsam zu fügen begannen. Damit meine ich kein Schicksal oder so etwas, sondern Veränderungen im Denken, die zu Veränderungen im Beurteilen und Handeln geführt haben, und die wiederum haben Dinge ermöglicht, die ohne all die vorangegangenen Bemühungen nicht oder schwerer zu erreichen gewesen wären. All diese Dinge hängen mehr oder weniger mit Glück zusammen und geben mir weiteren Aufwind, der meine Psyche stabilisiert – allerdings zu einem gewissen Teil außerhalb meines Wirkungsradius.
Eine Tatsache, für die ich selbst absolut nichts getan habe, die mir aber dennoch viel Aufwind gab und gibt, ist die Geburt meiner Nichte in der Zeit nach der Tagesklinik. Überhaupt nicht mein Verdienst, es hätte sicher auch ohne dieses Ereignis funktioniert, aber ich betrachte es als Glück, dass sie genau zu diesem Zeitpunkt geboren wurde und mir unmittelbar im Anschluss an das Klinikende einen großen und positiven Emotionsboost verschafft hat.
Weniger mit Glück hat meine Arbeitssituation zu tun. Ende letzten Jahres ist mein Arbeitsvertrag ausgelaufen und ich war gezwungen, mir einen neuen Job zu suchen. Dieser Schritt ist eine wichtige Veränderung, den ich mit einer Kündigung auch schon früher hätte erreichen können. Dennoch wäre zu einem früheren Zeitpunkt, zu dem mir der Glaube an mich und meine Fähigkeiten gefehlt hat, die Jobsuche sehr viel schwerer und frustrierender gewesen und hätte vielleicht auch das Potenzial gehabt, mich wieder zurückzuwerfen. Doch durch das Ende meines Vertrags zu einem Zeitpunkt, an dem sich bereits viel geändert hatte, war ich gezwungen, mir etwas neues zu suchen, und durch all die Veränderungen war ich auch in der Lage, das zu schaffen. Ich habe den Job, den ich bald antreten werde und auf den ich mich sehr freue, nicht durch Glück, sondern durch meine Qualifikation bekommen. Dennoch betrachte ich es als Glück, dass genau dieser Job zu genau diesem Zeitpunkt auf dem Markt war.
Der dritte wichtige Aspekt, der nicht nur mit Handeln, sondern auch mit etwas Glück zu tun hat, ist, dass ich nach langer Einsamkeit und gefühlter Unfähigkeit, einen Partner kennenzulernen, doch auf meine Therapeutin gehört und mich dazu überwunden habe, mich bei einer Online-Partnervermittlung anzumelden. Ich hielt das alles für Quatsch und eh zu teuer und wollte bereits frustriert wieder die Flinte ins Korn werfen, als ich jemanden kennenlernte, der mir gut tut und inzwischen immer mehr ans Herz wächst. Ich betrachte es als großes Glück, dass er mich angeschrieben hat, aber ohne meinen Entschluss, meine bisherigen Ängste, Hemmungen und Vorbehalte zu überwinden und mich doch einfach mal unverbindlich anzumelden, wäre ich gar nicht auffindbar gewesen.

Fazit

Rückblickend kann ich nicht bestimmen, was wann am besten geholfen hat. Es war keine einzelne Strategie, sondern das Zusammenspiel verschiedener Ansätze zu verschiedenen Zeitpunkten. Nicht alles hat immer geholfen und so, wie ich mich verändert habe, haben sich auch die Dinge, die mir geholfen haben, geändert. Die Aspekte, die ich unter dem Punkt Glück beschrieben habe, sind zum Teil aktiven Entscheidungen und Handlungen geschuldet, die erst durch die vorangegangenen Therapien überhaupt möglich wurden, während die Geburt meiner Nichte ein Ereignis war, das ich beim besten Willen nicht selbst hätte herbeiführen können.
Der erste wichtige Schritt war zu erkennen, dass ich die Depression ohne professionelle Hilfe von außen schwer bis gar nicht in den Griff bekommen würde und dass Veränderung des aktuellen Zustands dringend nötig war. Daraus resultierte der zweite große Schritt, mich auf die Therapeutensuche zu begeben. Dies halte ich bei jeder psychischen Erkrankung für elementar. Doch Therapie allein reicht vielleicht nicht. Jede*r muss zusammen mit der Therapeutin oder dem Therapeuten für sich ihr/sein eigenes Therapierepertoire finden, dass ihm am Ende hilft. Oft ist es herumprobieren und schauen, ob es einen Effekt hat. Und auch, wenn einfach mal gar nichts vorangeht, darf das – so schwer es auch fällt – auch sein. Besserung braucht Zeit. Die Beschäftigung mit unserer eigenen Psyche und der Kampf gegen eine Krankheit, die zum Teil lähmt und willenlos macht, ist anstrengender, als manch gesunder Mensch sich vorstellen kann. Schaut man sich an, welch eine Liste von Genesungsbausteinen ich in diesem Text aufgelistet habe, kann man vielleicht erahnen, dass Depressionen zwar oft von scheinbarem Nichtstun geprägt sind, ebenso oft aber sichtbar und unsichtbar, im Äußeren und im Inneren, an einer Änderung des Zustands gearbeitet wird, und dass der Kampf gegen Depressionen alles andere als faul ist.

Zu guter Letzt möchte ich noch an einen wichtigen Aspekt erinnern. In all diesen Maßnahmen steckt das Thema Veränderung. Veränderung des Ist-Zustands durch Therapie, durch Sport, durch Ergotherapie, durch Kontakt zu Freunden etc. Ja, rückblickend würde ich sagen, dass man ins Tun und Handeln kommen muss, wenn man etwas nachhaltig verändern möchte. Das Perfide an der Depression ist jedoch, dass sie genau das zu verhindern versucht. Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Erschöpfung oder Mut- und Hoffnungslosigkeit verhindern unter Umständen, dass man die Notwendigkeit der Änderung überhaupt sieht. Und nicht jede*r hat die Kraft, allein aktiv zu werden und Veränderung anzukurbeln. Das ist Teil der Krankheit. Ein empathisches Umfeld kann unter Umständen dabei helfen, die hohe Schwelle in die Veränderung überwindbarer zu machen. Und jede*r Betroffene ist in andere Voraussetzungen eingebettet, die ihm den Schritt zur Hilfe erleichtern oder erschweren. Vielleicht liest jemand diesen Text, der oder die nicht das Glück hat, gerade Onkel oder Tante geworden zu sein. Der oder die nicht so viel Glück mit einem Klinikaufenthalt hatte, wie es bei mir der Fall war. Oder oder oder. Ich kann Euch leider kein Patentrezept geben, und ich bin mir der Tatsache bewusst, dass einige Faktoren glückliche Fügung waren. Mein Therapierepertoire ist jedoch nicht das Maß der Dinge, und ob es langfristig hilft, wird sich noch zeigen müssen. Vielleicht verfügt ihr über andere Ressourcen, die mir verwehrt waren: einen unterstützenden Partner, ein Haustier, die Familie in der Nähe, einen Job, der Euch trotz Depression noch erfüllt, oder vielleicht ist Eure Depression anders ausgeprägt und ihr könnt noch Reisen unternehmen, die Euch Kraft geben. Vielleicht habt ihr früher gerne getanzt und könnt dieses Hobby wiederbeleben, oder ihr seid in einem Verein, der Euch Halt gibt. Jeder Mensch hat andere Ressourcen. Sie zu finden kann erst einmal schwierig sein, aber ich möchte alle Betroffenen ermutigen, niemals aufzugeben. Es ist ein harter Weg. Es gibt Rückschläge. Vielleicht muss man auf dem Weg eine andere Richtung einschlagen (z.B. wie ich die Medikamente anpassen, die Therapieform oder den Therapeuten oder die Therapeutin wechseln). Vielleicht müssen die einen mehr an ihre Grenzen gehen als andere. Aber bitte gebt nicht auf. Wenn ihr alleine nicht könnt, versucht, andere zu finden, die Euch unterstützen können, die Euch vielleicht eine Zeit lang Dinge abnehmen, damit ihr Eure Kraft auf anderes verwenden könnt. Nach einer langen und anstrengenden Zeit kann ich heute endlich sagen: es lohnt sich!

7 Gedanken zu “„Was hat Dir denn nun geholfen?“

  1. Du wunderbare, kluge, liebenswerte Frau, es macht sehr froh, diesen Text von dir zu lesen!
    Das Fazit eines Lebensabschnittes, der zwar zum Teil unsagbar schwer war, dir aber auch so viel über dich beigebracht hat, wie es „gesunde“ Menschen wohl eher selten erleben. Ja, die Chance ist da, dass die Schnieptröte irgendwann aus der Versenkung auftaucht oder mit neuem Krempel vom Dachboden fällt, aber mit all dem, was du gelernt hast, wirst du auch wieder einen Weg finden, sie zu verbannen: dessen bin ich mir ganz sicher.
    Danke von Herzen für alles, was du weiter gibst und damit Mut machst! <345

  2. Danke für deinen aufrichtigen Text, der so gar nichts Besserwisserisches hat, sondern einfach gut tut. Ich wünsche mir, dass ich eines Tages auch einen ähnlichen Rückblick schreiben kann.

  3. Puuuh, weiß grad nicht warum mich dieser Text so emotional mitnimmt. Aber das tut er. Super geschrieben, vieles selbst nicht so wahrgenommen , es veranschaulicht einiges. Danke dafür und Dir weiterhin alles Gute.
    Claudia

    1. Es war natürlich nicht meine Absicht, mit dem Beitrag unschöne Gefühle zu triggern. Ich hoffe, es sind gute Idee nachdenkliche Emotionen, die er bei Dir ausgelöst hat ❤ Danke fürs Lesen und für Dein Feedback! Dir auch alles Gute und viel Kraft!

  4. Wow, ein toller Text! Es ist schwierig anderen (und auch sich selbst) zu erklären, wie man aus einer Depression herausfinden kann und Du beschreibst das gut. Der „Glücksaspekt“ war mir bisher gar nicht so bewusst, trifft auch bei mir zu … habe ich als neues Wissen förmlich aufgesaugt.

    Alles Gute
    René

    1. Danke Dir ❤ Ja, es ist gar nicht so einfach. Ich musste lange nachdenken, und komplett ist das sicher auch nicht. Aber ja, ich glaube, dass wie bei Vielem in Leben auch hier Glück eine Rolle spielt. Vielleicht hätte ich Glück mit den Umständen, die sich irgendwann geändert haben, vielleicht ist es aber auch das Glück, dass meine Gene die Wirkung all dieser Maßnahmen zulassen. Ich weiß es nicht. Glück ist für mich der unbefriedigendste Faktor, weil er auch entmutigen kann, wenn man glaubt, keines zu haben. Trotzdem ist es Faktor, der mir in die Karten gespielt hat. Es wäre sicher auch ohne gegangen, aber es hätte wohl länger gedauert…

      Dir auch alles Gute 🙂

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