Tschüß, 2018!

Kann man schon Jahresrückblick? Ich finde schon. Aber keine Sorge, vor Lanz & Co. seid ihr hier sicher – hier gibt es nur die Schnieptröte und mich. Und zumindest von der Schnieptröte gab es ja 2018 jede Menge. Von mir eher weniger.

Dabei fing das Jahr so vielversprechend an: im Januar hatte ich einen Termin bei meiner Psychiaterin und wir tüftelten einen schönen Plan für meine Wiedereingliederung ins Berufsleben aus. Sie war zufrieden, ich war zufrieden, meine Chefin war zufrieden, die Krankenkasse war zufrieden und zack! los ging’s im Februar, nach 53 Wochen kompletter Arbeitsunfähigkeit. Kurz vor meinem Geburtstag betrat ich das Büro als immerhin halbe Mitarbeiterin und nahm den Faden, den ich über ein Jahr zuvor in der Mittagspause von jetzt auf gleich hatte fallenlassen, wieder auf. Das ging eine ganze Weile lang gut, nämlich solange, bis es nicht mehr gut ging. Wann genau das Nichtmehrgut eintrat, kann ich gar nicht genau sagen, ich habe es nämlich selbst nicht kommen sehen – zumindest nicht in diesem Ausmaß. Ich bin weiter brav dreimal die Woche zur Psychoanalyse gegangen, habe auf der Couch gelegen und reflektiert, was das Hirn hergab, habe meinen seelischen Zustand gedreht und gewendet, habe mich weiterhin gewissenhaft mit meinem Innenleben befasst, wo ich vielleicht einfach mal Urlaub von mir selbst gebraucht hätte. Der war auch für Mai geplant gewesen, aber stattfinden konnte er leider nicht.

Stattdessen ging es mit dem gesundheitlichen Zustand meiner Oma bergab, und zwar so flott, dass alles stehen und liegen lassen und hinfahren angesagt war. Es war eine Zeit der Unsicherheit, nicht nur, was meine Oma betraf, sondern auch was mein Innenleben anging. Ich fühlte mich noch nicht in der Lage, die Wiedereingliederung zu beenden und Vollzeit zu arbeiten, und das Wissen um den Zustand meiner Oma tat sein Übriges. In einer Hauruckaktion verlängerte ich die Wiedereingliederung um weitere vier Wochen und damit war auch der geplante Wienurlaub hinfällig. Während der Wiedereingliederung konnte ich schlecht Urlaub nehmen, da man entweder krankgeschrieben ODER im Urlaub sein kann (und krankgeschrieben bleibt man auch während der Wiedereingliederung, und zwar so lange, bis man wieder Vollzeit in seinen Job zurückgekehrt ist), und außerdem macht eine Wiedereingliederung mit reduzierter Stundenzahl eh keinen Sinn, wenn man dann gar nicht arbeiten geht. Hinzu kam, dass es immer wahrscheinlicher wurde, dass ich genau in dem Zeitraum, für den der Urlaub gebucht war, zu Omas Beerdigung würde gehen müssen. Und so kam es dann auch. Oma starb, was mich – obwohl es absehbar war – dennoch schwer traf. Ich fuhr nicht nach Wien, sondern zur Beerdigung, war nebenbei noch volle Möhre erkältet, geriet in einen Freundesstreit, geriet in einem anderen zwischen die Fronten und am Ende war alles zu viel: anstatt nach der Beerdigung wieder ins Büro zu gehen, checkte ich auf der Krisenstation ein. Mit meiner Ärztin hatte ich alles abgesprochen, und nach einem kurzen Telefonat hatte sie mir die Präsidentensuite (ja gut, präsidial ist so ein Zweierzimmer in einer Klinik auf keinen Fall, und als gesetzlich Versicherte wahrscheinlich noch weniger, aber dafür hatte ich die beste Zimmergenossin überhaupt) auf der Krisenstation reserviert, Check-in am selben Nachmittag. Ich hatte also gar keine Gelegenheit, es mir anders zu überlegen.

So viel Angst ich vorher hatte, so gut waren die Tage im Krisenhotel. Es war eine meiner besseren Entscheidungen, das Handtuch zu werfen und die Verantwortung für mich für ein paar Tage in fremde Hände zu geben. Der Aufenthalt in der Tagesklinik, der sich nahtlos anschloss, gab mir dann ein Stück Verantwortung zurück: für die Zeit, die ein Angestellter mit Nine-to-Five-Job im Büro verbringt, waren meine Stunden und Mahlzeiten geplant und organisiert, die restlichen Stunden des Tages sowie an den Wochenenden war ich wieder allein für mich verantwortlich. Die Zeit in der Klinik war ein Auf und Ab, sie war intensiv, sie war anstrengend, sie war lehrreich und sie war vielleicht mit die beste, die ich in diesem Jahr hatte. Noch immer bin ich unendlich dankbar für die Menschen, die ich dort kennenlernen durfte, und mit denen ich noch immer regelmäßig Kontakt habe. Sie waren und bleiben eine wertvolle Stütze und sind eine wichtige Erweiterung meines Freundeskreises. Auch in therapeutischer Hinsicht hat sich die Klinik gleich mehrfach als richtige Entscheidung bewährt. Nicht nur das, was ich von den Therapeuten und Co-Therapeuten gelernt habe, hat mir geholfen, auch mein anschließender Therapieformwechsel von der Psychoanalyse zur Verhaltenstherapie in meiner ambulanten Therapie war gold wert.

Nach der Klinikzeit hatte ich sechs Wochen Auszeit, bevor es mir der Wiedereingliederung 2.0 losging. In dieser Zeit kam meine Nichte zur Welt. Ein kleines Flumselchen, das keinerlei Ahnung von Depressionen oder all dem anderen Scheiß auf der Welt hat, sondern einfach nur da ist und von allen Seiten heiß und innig geliebt wird. Man tut nichts weiter als dieses Kind zu lieben, aber Freunde, was das für eine Wirkung hat. Lieben ist auch so eine Art Therapie… Die Wiedereingliederung, die dann kurze Zeit später anfing, habe ich dieses Mal komplett und ohne Löcher durchgezogen. Auch bei dieser Gelegenheit hat es sich wieder bewährt, dass ich bei der Arbeit von Anfang an recht offen mit meiner Depression umgegangen bin, denn so musste ich keine Reha-Kur mit Kneipp-Anwendungen und Fango erfinden, sondern konnte einfach sagen: „Ich war in der Klapse.“ Leider war recht schnell klar, dass meine Zeit bei diesem Arbeitgeber enden würde, da ich nur einen befristeten Vertrag für eine Elternzeitvertretung hatte, und leider wurde dieser Vertrag dann auch tatsächlich nicht weiter verlängert. Im ersten Moment hat mich das sehr getroffen, denn insgeheim hatte ich doch gehofft, bleiben zu können. Hatte gehofft, weiterhin Teil dieses Teams zu sein, wenn nötig weiterhin offen mit meiner Krankheit umgehen zu können, und hatte gehofft, an einem vertrauten Arbeitsplatz noch ein wenig zu Kräften und Vertrauen in meine Fähigkeiten kommen zu können, bevor ich mich auf dem Jobmarkt würde anpreisen müssen. Aber so lief es halt nicht. Und erstaunlicherweise hat mir das nach der ersten Enttäuschung weit weniger Angst gemacht, als ich befürchtet hatte. Aber erstmal konzentrierte ich mich auf die Wiedereingliederung, die dieses Mal kürzer war und schneller die Stunden steigerte als bei der Wiedereingliederung 1.0, denn ich fühlte mich nach der Klinikzeit bereits deutlich fitter als es beim Abbruch der ersten Wiedereingliederung der Fall war. Außerdem hatte ich in der Tagesklinik bereits einen Achtstundentag gehabt, der mindestens so anstrengend war wie ein regulärer Arbeitstag, wenn nicht sogar anstrengender. Und so war nach sechs Wochen relativ flott das Ende von Wiedereingliederung 2.0 erreicht und ich arbeitete das erste Mal seit 91 Wochen wieder Vollzeit. 40 Stunden die Woche, keine Krankschreibung mehr, kein Geld vom Arbeitsamt, endlich wieder voll dabei. Könnt ihr Euch vorstellen, was für ein geiles Gefühl das war? Es war der Knaller!

Nach der Rückkehr in die Vollzeit arbeitete ich noch vier Wochen Vollzeit und dann war Schluss. Da ich noch fast meinen kompletten Jahresurlaub aus 2017 und 2018 auf der Uhr hatte, hat mein Arbeitsjahr am 21. November geendet. Bis zum 31.12. habe ich noch Urlaub, danach werde ich erstmal arbeitslos sein. Weil ich nicht am 22. November in ein Loch fallen wollte, und weil ich endlich, endlich mal wieder Urlaub machen wollte, flog ich wenige Tage nach meinem letzten Tag nach London. Endlich Urlaub, und vor allem endlich ein Urlaub, den ich mir zutraute. Die Vorstellung, allein nach London zu fliegen, in einer Sprache unterwegs zu sein, die mir zwar sehr vertraut ist, die aber trotzdem Hirntätigkeit erfordert, mich in einer fremden Umgebung zu orientieren, mir den fremden Tag zu strukturieren und ganz viel Neues zu sehen, hören, riechen und schmecken, war mir lange ein Graus gewesen. Wien wäre möglich gewesen, weil ich nicht allein dort gewesen wäre, und weil es ja doch am Bayrischen irgendwie nah dran ist. Alles andere war nicht denkbar, mein Reisefieber war sehr lange überhaupt nicht existent. Und plötzlich, nach diesem Jahr, war es wieder da. Ich wollte raus, ich wollte wieder Englisch sprechen, spannende Dinge entdecken, alleine durch eine mir fast fremde Stadt laufen, wollte wach und aufmerksam sein, alles aufsaugen und ohne meine Depression unterwegs sein. Und der Plan ging auf. Kurz vor der Abreise, im Trubel der letzten Arbeitstage, wurde ich etwas nervös und fragte mich, ob alles klappen würde. Ich hatte etwas Angst davor, in einem Bett in London zu liegen und nicht aufstehen zu können, keinerlei Interesse für diese spannende Stadt zu haben und einfach eine hässliche englische Tapete anzustarren. Zum Glück blieb mir das erspart, nicht nur, weil zwar die Tagesdecken im Hotel extrem hässlich waren, die Wand dafür aber nur weiß, sondern auch, weil ich einfach nicht depressiv war. Ich lief Kilometer um Kilometer durch London, fuhr kreuz und quer durch den Untergrund, sah mir Museen, Menschen und Gegenden an, und praktizierte aus Versehen auch noch die Achtsamkeit, von der meine neue Therapeutin immer sagt „Ich weiß, Sie kotzen sicher schon im Strahl, wenn Sie das Wort nur hören.“ An jeder Ecke gab es etwas Spannendes zu sehen – und zu hören. Ich blieb lange stehen, bis ich ein Foto so hinbekam, wie ich es wollte (nämlich meistens ohne andere Menschen drauf), oder ich lief durch laute oder musikalische Gegenden und machte Tonaufnahmen, die ich mir später wieder achtsam (!) anhörte. Es waren tolle Tage, die ich Dank der Abwesenheit meiner Schnieptröte bis in die letzte Pore genießen konnte. Einzig am letzten Tag gab es einen kleinen Zwischenfall, der jedoch nicht meine Depression, sondern eine alte Phobie triggerte. Aber auch das habe ich überstanden, und wenn ich mich jetzt an London erinnere, denke ich zuerst an die tollen Straßenmusiker, die ich gehört habe, an die phantastische Aussicht auf die Stadt, auf den Gin, den ich im Gebüsch verstecken musste, und an die kurzen Gespräche, die ich geführt habe.

2018 war ein turbulentes Jahr für mich. Oft habe ich gar nicht bemerkt, wie schlecht es mir eigentlich ging, bis es geknallt hat. Viel hat sich dadurch verändert: ich war in der Klinik, ich habe die Therapieform gewechselt, ich habe alte Freunde verloren und neue gefunden. Und ich habe die Leichtigkeit wiedergefunden. Sie ist nicht immer da, aber ich weiß wieder, dass es sie in mir gibt. Ich habe in diesem Jahr viel gezweifelt und geweint, in diesem Jahr, dem eine 11-monatige Arbeitsunfähigkeit vorausging. Aber ich habe vor allem neue Wege eingeschlagen. Wege, die mir bereits im letzten Jahr angeraten worden waren: geh doch mal in die Tagesklinik, mal doch mal was, mach ne Verhaltenstherapie, such Dir einen anderen Job. Ja, das, was ich in diesem Jahr gemacht habe, hätte ich auch schon im vergangenen Jahr haben können. Aber ich hätte es eben nicht haben können, denn es war überhaupt nicht der richtige Zeitpunkt. 2017 glaubte ich noch, die Psychoanalyse würde irgendwann schon den Durchbruch bringen, und 2017 fühlte ich mich nicht bereit für einen Klinikaufenthalt. Der ist durch den Knall in diesem Jahr überhaupt erst möglich geworden. Und die Kraft für all die anderen Änderungen hätte ich im letzten Jahr überhaupt nicht gehabt. Ich musste erst gewisse Dinge lernen und verstehen, wahrnehmen und selbst die Veränderungen brauchen und wollen. Ich musste erst an den Punkt kommen, an dem ICH diese Veränderungen für richtig hielt und auch anstoßen konnte. Und 2018 war dieser Punkt da. Es war der richtige Zeitpunkt, und ich bin an die richtigen Menschen geraten, die mir dabei geholfen haben. Diesen Menschen und denen, die an mich geglaubt haben, die auf meinem Weg hinter mir standen, bin ich zutiefst dankbar. Und ich danke mir selbst. Dafür, dass ich durchgehalten habe, dass ich meinen Weg gefunden habe, dass ich mutig war, dass ich vertraut habe und dafür, dass ich mich zu derjenigen gemacht habe, die ich heute bin. Gegenwartsich dankt Vergangenheitsich.

Und wie geht es nun weiter? Ich bin aktuell auf Jobsuche und ich bin optimistisch dabei. Ich bekomme so langsam wieder Vertrauen in meine Fähigkeiten, und wenn ich eine interessante Stellenanzeige lese, kommt ein Gefühl von „Ich kann das schaffen.“ Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis ich wieder einen Job habe, und ob ich den dann auch tatsächlich schaffe. Aber was für den Moment zählt, ist, dass ich Hoffnung habe. Ich habe Bewerbungen abgeschickt, ich hatte für dieses Jahr bereits meine letzte Therapiestunde, eventuell treffe ich meine Klapsis nochmal und dann ist Weihnachten.

Und Weihnachten ist genau das richtige Stichwort: dies war für dieses Jahr vermutlich der letzte Blogeintrag, daher wünsche ich Euch allen ein unbeschwertes Weihnachtsfest ohne die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Danke, dass ihr mich gelesen und mit Kommentaren, Herzen und Postkarten unterstützt habt. Auch ihr wart ein wichtiger Bestandteil meines Wegs. Es würde mich sehr freuen, wenn diejenigen, die nicht betroffen sind, etwas über Depressionen gelernt haben, und wenn diejenigen, die es leider auch erwischt hat, ein wenig Mut bekommen haben. Bleibt stark und nehmt jede Hilfe an, die ihr bekommen könnt: Alleine auf einen grünen Zweig zu kommen ist schwer. Ich wünsche Euch Mut und Kraft und Menschen, die den Weg gemeinsam mit Euch gehen. Gebt nicht auf!

Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch! Bis nächstes Jahr 🙂

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3 Gedanken zu “Tschüß, 2018!

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