40 Stunden

Noch zwei Arbeitstage und dann wird die Wiedereingliederung beendet sein. Ab nächster Woche Mittwoch werde ich wieder Vollzeit arbeiten. Ich werde den zweiten Wiedereingliederungsanlauf – die Wiedereingliederung 2.0 – geschafft haben. Ich werde wieder 40 Stunden in der Woche arbeiten, und ich werde mein Geld wieder von meinem Arbeitgeber bekommen. Ich werde nicht mehr krangeschrieben sein. Das heißt, ich werde wieder verreisen können, ich werde wieder ins Ausland reisen können, und ich bin nicht mehr von anderen abhängig. Nicht mehr von der Krankenkasse, und nicht mehr von der Arbeitsagentur, die momentan meinen Lebensunterhalt finanziert.

(Handlungsloch zwecks Erweiterung des bürokratischen Hintergrundwissens. Der Arbeitgeber zahlt ab Zeitpunkt der Krankschreibung noch sechs Wochen lang das Gehalt, danach übernimmt die Krankenkasse und zahlt das Krankengeld, was ca. 70% des Gehalts entspricht. 78 Wochen lang hat ein arbeitsunfähiger Arbeitnehmer Anspruch auf Krankengeld. Wenn man – wie ich – danach weiterhin arbeitsunfähig ist, übernimmt die Arbeitsagentur. Da gibt es dann zig Regelungen und Ausnahmen, die nicht einmal die Sachbearbeiter selbst verstehen, und wenn es gut läuft, bekommt man am Ende Geld. Mein Glück war, dass nach dem Klinikaufenthalt sowieso eine Wiedereingliederung angedacht war, und seit der Wiedereingliederungsplan bei der Arbeitsagentur vorlag, bekomme ich eine Art Übergangsgeld. Die Krankschreibung gilt weiterhin, und zwar solange, bis der Arbeitnehmer wieder Vollzeit arbeitet – dann zahlt auch erst der Arbeitgeber wieder das Gehalt und man ist raus aus den Mühlen der Bürokratie. Handlungsloch Ende.)

Soweit der Blick nach vorne. Lasst uns einen kleinen Blick nach hinten auf die Wochen seit meinem letzten Blogeintrag werfen. Nach dem achtwöchigen Aufenthalt in der Tagesklinik fühlte ich mich bereits deutlich optimistischer als davor. Nicht nur die „Auszeit“ von meinem Alltag hatte geholfen – sondern natürlich auch die Therapiegespräche, die auf der Krisenstation und in der Tagesklinik stattfanden, sowie die „Mitklapsis“, die einen nicht unbedeutenden Teil dazu beitrugen, dass ich nicht mehr das Gefühl hatte, alleine mit meinen Sorgen und Problemen dazustehen. Das war ich natürlich so oder so nicht, aber es ist noch einmal ein anderer Schnack, ob man Leute hat, an die man sich wenden kann, oder ob die Leute direkt mit Dir im selben Boot setzen, und man tagtäglich zusammen durch die Höhen und Tiefen des anstrengenden Klinikalltags geht. In der Wiedereingliederung, die ich im Februar begonnen hatte, war ich bei sechs Stunden Arbeitszeit täglich hängen geblieben. Der Klinikalltag war zeitlich dem Arbeitsalltag sehr ähnlich:  acht Stunden täglich, Montag bis Freitag. Dazwischen gab es zwar mehr Pausen als bei der Arbeit, aber schließlich waren wir ja auch keine Arbeitnehmer dort, sondern Depressive, und die Therapiearbeit, die wir betrieben, war deutlich anstrengender als jeder Job, den ich bisher gegen Bezahlung gemacht habe.

Nach dem Klinikaufenthalt kam eine Zeit ohne alles: keine Arbeit, und – da ich es so wollte – auch keine Therapie. In der Klinik hatte ich die Empfehlung bekommen, alles, was ich die vorangegangenen Wochen gelernt und erlebt hatte, erst einmal sacken zu lassen, bevor ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehren würde. Und da ich während der Klinikwochen begonnen hatte, sehr an meiner Psychoanalyse zu zweifeln, legte ich auch dort eine Auszeit ein und begann stattdessen, mich um einen Platz in der Verhaltenstherapie zu bemühen. Direkt nach der Entlassung aus der Klinik war ich zunächst froh, erst einmal wieder meine Ruhe zu haben, denn es war in jeglicher Hinsicht anstrengend gewesen. Dann kam die Befürchtung, ich könne ohne die Routine der letzten Wochen in ein Loch fallen und den ganzen Fortschritt der letzten Zeit wieder zunichte machen. Doch wenn man mal von kürzeren Durchhängern absieht, geschah nichts dergleichen. Ich war bestens mit der Therapeutensuche beschäftigt, traf mich regelmäßig mit meinen Klapsis und anderen Freunden und machte erst einmal Urlaub in der Heimat, um meine neugeborene Nichte zu begrüßen. Mit meiner Psychiaterin erstellte ich den Wiedereingliederungsplan, und dann war es auch schon an der Zeit, ganz sutsche mit vier Stunden täglich wieder arbeiten zu gehen. Doch auch, wenn es bereits meine zweite Wiedereingliederung in diesem Jahr war – oder vielmehr gerade weil es meine zweite Wiedereingliederung war – hatte ich Angst davor. Angst, dass es erneut nicht klappen könnte, Angst, dass ich weniger weit war, als ich dachte, Angst davor, dass ich es nicht schaffen würde, Angst davor, dass alles zuviel werden würde, Angst davor, wie es dann weiter gehen sollte.

Da ich bereits im Frühjahr gearbeitet hatte, war der Wiedereinstieg letzten Endes nicht ganz so eine krasse Umstellung, wie beim ersten Wiedereingliederungsversuch, dem 53 Wochen ohne Arbeit vorausgegangen waren. Es hatten sich zwar einige Veränderungen ergeben, aber abgesehen davon war der Kulturschock geringer als beim ersten Mal. Doch auch dieses Mal ging es wieder hopplahopp und ich musste schneller als geplant andere Aufgaben übernehmen und eine Kollegin vertreten. Im Gegensatz zum Frühjahr hatte ich dieses Mal jedoch deutlich mehr mentale Kondition. Ich merkte, wie gut es tat, eine Aufgabe zu haben und zu wissen, was ich tue. Vor dem Start der Wiedereingliederung hatte ich eine Verhaltenstherapeutin gefunden, die Psychoanalyse für beendet erklärt und bin seitdem einmal die Woche bei Frau W. Diese Therapieumstellung tat mir gut und gab und gibt mir konkrete Werkzeuge an die Hand. Auch, wenn besonders die ersten Tage – und nach zwei Wochen auch die ersten Tage mit sechs Stunden – anstrengend waren, war es eine zufriedene Anstrengung, dem das Gefühl zugrunde lag, wieder gefordert zu sein. Ich konnte mich besser konzentrieren, ich konnte mich besser organisieren, und ich kam besser mit dem Großraumbüro klar. Und vielleicht war ich auch trotz der Ängste, dass die Nummer wieder in die Hose gehen könnte, entspannter. Ich wollte diese Wiedereingliederung. Als ich nach Ablauf des Krankengeldzeitraums bei der Arbeitsagentur gesessen hatte, kam das Thema Erwerbsminderungsrente auf, und ich merkte, das ist gerade nichts für mich. Ende Mai waren viele Dinge zusammengekommen, die mich überforderten und überfrachteten, sodass es das einzig richtige war, die Reißleine zu ziehen, die Wiedereingliederung abzubrechen und einen therapeutischen Richtungswechsel einzuschlagen. Aber seitdem haben sich die Vorzeichen geändert und ich bin wieder optimistischer.

Inzwischen sind sechseinhalb Wochen Wiedereingliederung fast um und ich blicke der Vollzeitbeschäftigung entgegen. Dieses Mal habe ich nicht das Gefühl, von acht Stunden Arbeit am Tag überfordert zu sein. Im Gegensatz zum ersten Wiedereingliederungsversuch, den ich Ende Mai abbrechen musste, dauerte die Wiedereingliederung 2.0 nur sechseinhalb Wochen. Aber ich fühle mich wesentlich besser und sicherer, als es nach den dreizehneinhalb Wochen der ersten Wiedereingliederung der Fall war. Natürlich „hilft“ auch das Wissen, dass mein befristeter Vertrag nicht verlängert wird und ich noch viele Urlaubstage auf der Uhr habe. Das hilft, die Dinge etwas entspannter zu sehen (der Vertrag ist aus verschiedenen Gründen ein Thema, das neue Unsicherheiten mit sich bringt und emotional aufgeladen ist – auf dieses Thema werde ich jedoch hier nicht näher eingehen. Es hilft und belastet zu täglich wechselnden Teilen). Bleibt zu hoffen, dass ich diesen Sommer genug gelernt habe, und jetzt früher merke, ob es mir nur an der Oberfläche oder auch darunter gut geht. Ich möchte meine Hand für nichts ins Feuer legen, aber allein, dass mir der Gedanke an 40 Stunden Arbeit in der Woche keine Angst mehr macht, sagt vielleicht nicht alles, aber schon eine Menge.

Natürlich bin ich noch immer nicht geheilt. Ich habe auch ehrlich gesagt keine Ahnung, ob man bei Depressionen tatsächlich von Heilung spricht. Statistiken zeigen, dass Menschen, die bereits einmal im Leben eine depressive Episode hatten (und es ist immerhin jeder fünfte Mensch, die im Laufe seines Lebens an mindestens einer depressiven Episode erkrankt), ein höheres Risiko haben, später erneut depressiv zu werden. Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, die Depression als eine chronische Erkrankung anzusehen, die sich immer mal wieder ihren Weg an die Oberfläche sucht. Vielleicht trägt das dazu bei, nicht übermütig zu werden, sich nicht zu überschätzen und besser auf sich Acht zu geben. Nachsichtiger mit sich zu sein, besser auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und es häufiger mal langsam angehen zu lassen. Das wäre natürlich der ideale Fall, und ob das so klappen wird – wer weiß.

Ich bin weiterhin vorsichtig optimistisch. Wie schlecht es mir 2017 wirklich ging, ist mir erst rückblickend bewusst geworden, nämlich als es mir besser ging und ich wieder einen Vergleich hatte (das Gefühl dafür, wie es ist, wie es sich anfühlt, wenn es mir gut geht, war mir im Laufe der Depression abhanden gekommen). Im Frühjahr 2018 mit der Wiedereingliederung 1.0, ging es mir besser als im Jahr zuvor, aber vom heutigen Standpunkt aus betrachtet war da noch viel Luft nach oben. Jetzt, im Herbst 2018, geht es mir wiederum besser als im Frühjahr 2018. Aber wieviel Luft noch nach oben ist – und auf welcher Höhe des Misthaufens ich überhaupt stehe – weiß ich noch nicht. Ich hoffe einfach, dass die gute Phase so lang anhalten wird, dass ich irgendwann weiß, dass ich die Spitze des Misthaufens erreicht habe. Fürs Erste aber ist mir das Wissen, dass ich in diesem Jahr sehr viel geschafft habe, genug. Die 40 Stunden sind ein persönlicher Meilenstein, auf den ich stolz bin.

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4 Gedanken zu “40 Stunden

  1. Darauf kannst du auch wirklich stolz sein.
    Ich warte gerade auf meinen Platz in der Tagesklinik, wo ich auch wieder arbeitsfit gemacht werden soll. Und deine Erfahrung stimmt mich jetzt doch sehr optimistisch.
    Alles Gute weiter für dich. ❤

    1. Danke, liebe Britta! Ich drück Dir alle Daumen für die Tagesklinik. Hoffe, Dir hilft es so sehr, wie es mir geholfen hat. Lass Dich nicht unterkriegen ❤️

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