Von Krisen und Klapsen

Die letzten Wochen waren… rasant. Es deutete sich bereits im letzten Post an. Viel ist passiert, und auch, wenn es auf den ersten Blick recht beschissen aussieht, so hatten die vergangenen Wochen doch auch ihr Gutes. Aber von vorn.

Im Februar – vielleicht erinnert ihr Euch – hatte ich wieder angefangen zu arbeiten. Immer schön suutsche mit einer Wiedereingliederung. Das ging die ersten Wochen auch recht gut. Ich war froh, wieder Teil des Teams zu sein, wieder arbeiten zu können und eine Aufgabe zu haben. Ich ging gerne zur Arbeit, hatte das Gefühl, es ginge bergauf und steigerte langsam die Arbeitszeit. Doch dann, klammheimlich und leise, begann die Sache zu kippen. Ich bekam es gar nicht wirklich mit, aber im Nachhinein (das Nachhinein, in dem man ja immer schlauer ist) erkenne ich, wie gereizt, müde und anfällig für kleine gemeine Nadelstiche der Depression ich war. Ich merkte, dass ich für einen Vollzeitjob mit 40 Wochenstunden noch nicht wieder fit genug im Kopf war. Die Vorstellung, wieder einwandfrei funktionieren zu müssen, gab mir ein sehr ungutes Gefühl, vermutlich, weil ich zu dem Zeitpunkt bereits schlingerte. Ich beschloss, die Wiedereingliederung zu verlängern. Doch es kamen weitere Stressoren dazu. Kurz nach der Verlängerung starb meine Oma, es gab Streit und Stress im Freundes- und Bekanntenkreis und die kleinsten Dinge begannen, mich wieder zu überfordern. Alles fühlte sich ungut an, und immer häufiger kamen die Gedanken „Ich schaff das nicht allein“ und „Ich kann nicht mehr“ an die Oberfläche. Ich hatte das Gefühl, in der Therapie festzustecken und nicht mehr vorwärts zu kommen. Am Ende genügte eine vergleichsweise kleine Kleinigkeit, um mich endgültig  aus der Bahn zu katapultieren. Ich konnte nicht mehr, und hatte Angst, wo es noch hinführen könnte, wenn ich weiter alleine versuchen würde, aus dem Sumpf herauszukommen. Also saß ich heulend vor meiner Therapeutin (wenn ich in der Analyse sitze statt auf der Couch zu liegen, ist schon etwas verkehrt, und wenn ich dann noch weine, steht die Hütte wirklich in Flammen) und wir überlegten gemeinsam, welche Möglichkeiten es gab. Ich wollte raus, wollte, dass sich jemand um Dinge wie essen oder Haushalt kümmert, ich wollte, dass eine Zeit lang jemand die Verantwortung übernimmt, weil ich das nicht mehr konnte. Im Raum standen ein stationärer Aufenthalt auf einer Krisenstation sowie eine stationäre oder teilstationäre Therapie im Anschluss daran. Was auch immer am Ende gemacht werden würde: es musste sich etwas ändern.

Am nächsten Tag hatte ich einen Termin bei meinen Psychiaterin und besprach die Lage mit ihr. Auf längere Sicht empfahl sie mir eine Tagesklinik und organisierte mir für denselben Tag einen Platz auf einer nahegelegenen Krisenstation. Ich fuhr nach Hause, packte meinen Koffer für eine unbestimmte Anzahl an Tagen („Vielleicht müssen Sie ja gar nicht so lange dort bleiben“) und machte mich nachmittags auf den Weg zur Krisenstation, die in einer sehr kleinen Klinik untergebracht ist, die auch tagesklinische Therapie sowie eine Krisenambulanz anbietet. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, da ich zuvor keinerlei Erfahrung mit Kliniken und Krisen hatte und somit gar nicht einschätzen konnte, was mich auf der Krisenstation erwarten würde. Vor Ort angekommen, hatte ich als erstes ein Gespräch mit einer Therapeutin, es folgten allerlei Formalitäten, ich bekam mein Zimmer gezeigt (Glück im Unglück: ein Doppelzimmer statt eines Viererzimmers) und dann war auch schon Zeit fürs Abendessen. Etwas verloren saß ich zwischen sieben oder acht anderen Patienten und versuchte, eine ausgewogene Mischung zwischen „Lasst mich in Ruhe!“ und „Redet mit mir!“ hinzubekommen. Ich fühlte mich wie in einer Jugendherberge – Pfefferminztee, schlechtes Essen und Heimweh inklusive. Glücklicherweise dauerte es nicht lange, bis ich mich eingewöhnt hatte. Meine Zimmernachbarin war super, und es kam auch mal vor, dass wir um Mitternacht noch die Funzel anhatten und ratschten, wenn die Nachtschicht ins Zimmer kam und vorsichtig fragte, ob alles ok sei. Die Nachtschicht, das war beispielsweise so eine Sache, an der man merkte, dass man auf der Krisenstation war. Nachdem alle ihre Medikamente abgeholt und sich auf den Weg ins Bett gemacht hatten, kam so bummelig ab 23 Uhr in regelmäßigen Abständen die Nachtschwester oder der Nachtbruder vorsichtig in die Zimmer und schaute nach, ob wir noch da und noch lebendig und schlafend waren.

Jeden Morgen und jeden Abend gab es eine Runde mit allen „Insassen“ und dem Pflegepersonal. Unter der Woche gab es für jeden täglich 30 Minuten Einzeltherapie, und verschiedene Gruppenangebote und dreimal die Woche Oberarztvisite („Sind Sie mit Ihren Medikamenten zufrieden?“ – „Ähm, ich bin auf der Krisenstation… nein.“). Dazwischen nutzen wir den Garten mit seinen Liegestühlen und beobachteten die beiden Klapseneichhörnchen Erwin und Erich. Unter was auch immer die beiden litten – wenn sie schon im Garten der Klapse wohnten, musste es arg sein. Ich war insgesamt elf Tage dort. Mit der Zeit gewöhnte ich mich ein, freundete mich mit den anderen Klapsis an und war froh, mich einfach mal um gar nichts kümmern zu müssen. Wir entdeckten den Tischkicker und die Tischtennisplatte für uns und verbrachten lange Abende bei guten Gesprächen im Garten. Zur Kunsttherapie musste man mich zwar überreden („Gehen Sie wenigstens einmal hin, danach können Sie es immer noch scheiße finden.“ – ich ging hin, ich machte mit, ich fand es scheiße.), aber von allem anderen habe ich sehr profitiert. Doch auch die Einzeltherapeuten stimmten zu, dass sich etwas ändern müsse und ich therapietechnisch nicht so weitermachen könne, wie bisher. Die bereits angedachte Tagesklinik wurde auch hier befürwortet und ich schickte direkt eine Anmeldung los. Eine Woche später checkte ich in der Tagesklinik ein.

Dort hatte ich pro Woche 60 Minuten Gespräch mit meiner Einzeltherapeutin, hatte eine Bezugsgruppe, mit der ich gemeinsam die Gruppentherapien machte, nahm an den Morgen- und Abendrunden teil und lernte jede Menge Neues kennen. Da war zum Beispiel das Nordic Walking, über das ich mich früher immer etwas lustig gemacht hatte. Oder das Boxen in der Sporttherapie. Beinahe haute ich mit meinem linken Haken den Boxsack samt Mitpatienten um und ließ wütende Energien raus, von denen ich nicht einmal ahnte, dass sie in mir schlummern. Oder die bereits als scheiße abgetane Kunsttherapie, die hier ganz anders angegangen wurde und mir plötzlich so viel Spaß machte, dass ich mir eine Malausrüstung zulegte und zu Hause vor mich hin pütscherte. Mit den Leuten aus der Bezugsgruppe wuchs ich eng zusammen, und wir unternehmen auch jetzt nach der Teilzeitklapse noch immer Sachen zusammen. Wir lachten miteinander, weinten miteinander und tauschten Erfahrungen aus. Apropos lachen: eines Morgens saß ich in der Cafeteria und hatte so einen Lachanfall, dass anschließend die Küchenfee kam und meinte „Ach, Du warst das eben! Das war so ansteckend, da musste ich gleich mitlachen.“ – soviel zum Thema Depressive lachen nicht. Wir lachten oft. Ich kann die Zeit in der Klinik gar nicht im Detail wiedergeben, denn es waren intensive acht Wochen, in denen viel, passierte und in denen ich viel gelernt habe.

Alles in allem waren es gute zehn Wochen, die hinter mir liegen. Ich habe viel gelernt: über mich, über meine Depression, aber vor allem habe ich viele, viele wunderbare Menschen kennengelernt, die so viel mehr sind als ihre Krise oder ihre Depression. Wir hatten viel Spaß gemeinsam, haben aber auch viele tiefgründige Gespräche geführt, haben uns ausgetauscht, haben voneinander gelernt, uns aufeinander eingelassen und füreinander gesorgt. Ich habe die Klischees, die ich zuvor über Kliniken hatte („Die sind doch alle verrückt dort“) restlos über Bord geschmissen. Ja, ich hatte Vorurteile. Keines wurde bestätigt. Mir ist während dieser Zeit außerdem bewusst geworden, dass die Psychoanalyse nicht mehr die richtige Therapieform für mich ist. Ich stehe nach wie vor dazu, dass es eine Therapie ist, die viel bringen kann. Ich habe in den zwei Jahren viel gelernt und verdanke der Analyse viele Erkenntnisse. Allerdings habe ich zum Schluss nur noch Probleme gedreht und gewendet, für die ich aber keine Lösung hatte. Ich konnte so nicht weiter machen. Irgendwann werde ich den Faden vielleicht wieder aufnehmen und weiter in meinen (Un-)Tiefen forschen. Aber jetzt ist es erstmal wichtig, wieder stabil zu werden, und es über einen längeren Zeitraum zu bleiben. Aus diesem Grund werde ich jetzt zur Verhaltenstherapie wechseln, die mir bereits während meiner Zwangsstörung sehr geholfen hat und auch in der Klinik gute Resultate erzielt hat.

Die wichtigste Erkenntnis ist aber vielleicht die, dass auch ein Klinikaufenthalt nicht schlimm ist. Er macht niemanden zu einem schlechteren Menschen, aber im Idealfall zu einem besseren. Und entgegen der Annahme Söders und Seehofers befinden sich in Kliniken keine potentiellen Verbrecher, die man registrieren muss, sondern wundervolle Menschen, die kurzzeitig nicht mehr manövrierfähig sind und Lotsen benötigen, die ihnen den Weg durch Fluss oder Kanal weisen.

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7 Gedanken zu “Von Krisen und Klapsen

  1. Liebe Frau Erna,
    ich hatte lange nichts von dir gehört, und dann war ich selber in der Klinik und immer wenn ich dachte, jetzt schreib ich dir, hatte ich Dringendes zu tun, über das ich dir später berichten wollte. Jetzt erst lese ich von deiner Odyssee und das sie gut war. Ja, das kann ich auch über meine Reise sagen. Gut, mich endlich mal nur um meinen Kram zu kümmern, umgeben von Leuten, die auch genau damit beschäftigt sind. Gut, wenn eine Psycho-Krise als Notfall betrachtet wird wie ein gebrochenes Bein, mit dem ja auch niemand einfach so weitermacht.
    Auch für mich geht es jetzt nicht mehr um die Analytikerfrage: Was ist geschehen? Die neue Frage lautet: Wie kann ich damit leben (und lachen, laut, viel).
    Mehr schreibe ich dir auf dem anderen Kanal!
    Ganz lieben Gruß und alles Gute
    S. aus B.

  2. Beeindruckend zu lesen. Die vermeintliche Leichtigkeit, mit der Du die Worte aneinander fügst. Man bekommt dennoch einen Hauch von Vorstellung, was diese Krankheit bedeutet. Soviel halt geht, wenn man ziemlich sehr doll ahnungslos ist, wie ich, und versuchen möchte zu verstehen. Dazu trägst Du bei und dafür sei Dir mein Dank kundgetan,

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