Liebe Schnieptröte!

Kürzlich war Dein zweiter Geburtstag. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Wie schnell Du groß, wie schnell Du nervig und anstrengend geworden bist. Vor ein paar Wochen bist Du mir dann über den Kopf gewachsen. Ich habe ja nun das Fass-Modell kennengelernt, und Du hast mein Fass in den letzten Monaten regelrecht manipuliert, Du kleine Kröte. Wie oft hatte ich Dir gesagt, Du sollst keinen Sand in die Regentonne werfen? Hundertmal, mindestens. Aber nee, Du wolltest ja nicht auf mich hören. Also war der Abfluss verstopft und die ganz Soße lief über. Ich hab gar nicht mitbekommen, wie Du den Sandkorn, der das Fass zum Überlaufen brachte, versenkt hast. Ich bemerkte das Elend erst, als ich nasse Füße bekam. Besten Dank auch…

Inzwischen ist es bereits neuneinhalb Wochen her, seit ich auf der Krisenstation war. Das war ein bisschen wie Klassenfahrt, gell? Sogar Pfefferminztee gab es. Gut, Du hast geheult, weil Du im Garten schlafen musstest, aber immerhin war ja ICH diejenige mit der Krise, und nicht Du. Zum Schießen war Dein Gesichtsausdruck, als Du gemerkt hast, dass es nach elf Tagen nicht nach Hause, sondern direkt in die Tagesklinik ging. Das hat Dir überhaupt nicht gefallen, wa? Aber ich gebe es zu, ich war auch ganz froh, wieder im eigenen Bett schlafen zu dürfen. Auch, wenn das bedeutet, dass ich das Bett wieder mit Dir teilen musst (Memo an mich selbst: das müssen wir auch ändern, die Matratze ist schon ganz durchgelegen von Deinem Gewicht. Und all die Sorgen, die Du wie Plüschtiere mit ins Bett nimmst. Damit muss jetzt mal Schluss sein, schließlich hab ich die Matratze bezahlt!).

Die Tagesklinik hat Dir auch nicht so wirklich gefallen, oder? Mir dafür umso mehr. Nur Dein ständiges Genöle war ein bisschen nervig: immer muss ich mit den anderen Depressionen im Keller bleiben, während ihr da oben bei Tageslicht Spaß habt, mimimi, die anderen Depressionen sind gemein zu mir, mämämä, die spielen nicht mit mir, in der Cafeteria gibt es keinen Tomatensaft – Mann, Mann, Mann, Du hattest wirklich kaum Spaß in den letzten acht Wochen, oder? Aber ein paar Mal hast Du alte Knalltüte es ja doch ausm Keller geschafft und Dich mit in die oberen Stockwerke geschlichen. Und da hab ich dann heulend vor der Therapeutin gesessen, was Dich diebisch gefreut hat, weil Du dann mal richtig Zeit hattest, um Dir die Klinik genauer anzusehen. Ich habe ja auch den Verdacht, dass damals keine Teller durchs Treppenhaus geflogen sind, sondern dass Du da irgendwie Deine Finger im Spiel hattest…

In letzter Zeit siehst Du etwas kränklich aus. Geradezu blass. Ich habe ja während der letzten Wochen die Kunsttherapie für mich entdeckt. Und nein, ich finde es nicht gemein, wenn ich Dich bunt anmale. Bodypainting ist in.

Ich habe in der Tagesklinik echt eine ganze Menge über Dich gelernt. Ich glaube fast, ich weiß jetzt mehr über Dich als Du selbst. Ulkig, nicht wahr? Ich kann Dir übrigens versichern, dass nicht nur halb Twitter über Dich Bescheid weiß, sondern jetzt auch diverse andere Leute in der Klinik. Und nein, ich habe nichts Gutes über Dich erzählt. Und überhaupt: ich werde auch weiterhin über Dich reden, auch, wenn Du eigentlich lieber hättest, dass ich häufiger mal den Mund halte und nicht so viel von Dir erzähle. Aber weißt Du was? Über Dich kann man einfach nicht genug reden. Nein, das ist kein Kompliment. Stichwort entgegengesetztes Handeln. Ich mache jetzt all das, was Du nicht willst. Dazu gehört auch, weiter über Dich zu reden. Denn ihr Depressionen habt ja diese geheime Sache am Laufen, bloß niemanden wissen lassen, dass ihr da seid, diese ganze Geheimniskrämerei, dann habt ihr noch ein paar Gerüchte gestreut, sowas wie Depressive müssen sich schämen und bloß immer den Mund halten und am besten gleich zu Hause bleiben – weißte was? Ich hab da noch nie mitgemacht, und ich werde auch jetzt nicht damit anfangen. Im Gegenteil. Ich werde weiter Deine Geheimnisse ausplaudern und auch andere ermutigen, das zu tun. Tja, da kuckste.

Und was ich Dir noch sagen wollte: ich werde auch weiterhin so viel lachen, wie ich es in der Klinik getan habe. Vielleicht solltest Du es auch einfach mal mit lachen versuchen. Und eine eigene Wohnung, die möchte ich Dir noch ans Herz legen. So langsam wird es doch etwas eng in unserer WG, findest Du nicht?

Liebe Schnieptröte, wenn Du diesen Brief liest, dann geht es mir bereits wieder viel, viel besser, und ich bin fest entschlossen, mir nicht weiter von Dir auf der Nase herumtanzen zu lassen. Ja, ich weiß, Du reibst Dir gerade die Hände und nimmst Dir vor, mich eines besseren zu belehren. Aber das Gute an den vergangenen Wochen ist ja, dass ich meine Angst vor Krisenstationen und Kliniken verloren habe. Dort sind tolle Menschen, die viel Ahnung von Depressionen haben, und die mir einen wunderbaren Werkzeugkasten geschenkt haben, mit dem ich zukünftig an Dir herumhämmern, -werkeln und -frickeln kann. Und außerdem sind dort wunderbare Menschen, die auch alle keinen Bock auf ihre Depressionen haben und sich mutig dem Kampf stellen. Es wäre also wahrlich keine Schande, wenn ich irgendwann nochmal wiederkäme.

Ich werde heute noch einen letzten Tag in der Klinik haben, und bevor Du erleichtert aufatmest: demnächst gehen wir zwei zu einer neuen Therapeutin, und dann geht’s aber rund…

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