Arschlochtweets – ein Rant

Mir geht’s ungut heute. Erst machte mein Körper schlapp, und dann zog er die Psyche mit runter. Und dann begegnete mir dieser Tweet:

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Und jetzt bin ich sauer. So richtig stocksauer. Und gerade deshalb muss ich mich äußern (Sarkasmus an: Auch, wenn mich das als faule Versagerin in Verkleidung einer Depressiven enttarnt. Denn wirklich kranke Menschen reden ja nicht über ihre Krankheit, sondern leiden still vor sich hin. Sarkasmus aus).

Man kann argumentieren, dass dieser Tweet verfasst wurde von einem Vollpfosten, der – seinem Twitterhandle nach zu urteilen – eh schon die letzten Hirnzellen versoffen hat und einfach dumm ist. Aber: er ist nicht der einzige, der diese Meinung vertritt. Und diese Meinung steht im Internet, sichtbar für andere. Andere Vollpfosten, die sowieso gleich dankbar auf den Zug aufspringen und ihre Trolligkeit in vollen Zügen ausleben, und sichtbar für Menschen, die keine Ahnung haben, sich aber nur allzu leicht beeinflussen lassen, nicken und den Mist weiterverbreiten. Und bei aller Einsicht, dass der Tweet von jemandem verfasst wurde, der entweder nur zum Pöbeln da ist oder einfach wirklich komplett ignorant ist, ist es für Betroffene dennoch verletzend und ermüdend, immer wieder einen derartigen Bullshit lesen zu müssen. Zu viele Menschen sind wirklich davon überzeugt, Depressive müssten sich einfach mal zusammenreißen und seien in Wirklichkeit einfach nur faul. Und deshalb äußere ich mich jetzt, auch wenn es immer so schön heißt „Don’t feed the trolls.“

Dass die Depression eine Krankheit ist, die neben Traurigkeit, Gleichgültigkeit und Leere auch den teilweisen oder völligen Verlust des Antriebs mit sich bringen kann – des Antriebs, der dafür sorgt, dass wir rausgehen, dass wir in Beziehung mit anderen Menschen treten, dass wir unseren Job machen, dass wir unser Leben gestalten, dass wir vorwärts kommen, dass wir Dinge tun, wie klein oder groß sie auch sein mögen –, das müsste so langsam zu den meisten Menschen durchgedrungen sein. Ist es aber offensichtlich nicht. Auf diesen depressiven Zustand, in dem nichts mehr geht, und den ich bereits in einem anderem Blogpost thematisiert habe, würde ich liebend gerne verzichten. Wie gerne wäre ich wirklich einfach nur pottenfaul. Denn dann könnte ich das Leben wenigstens noch genießen. Dann würde ich zwar nichts gebacken bekommen, aber wenigstens wäre ich zufrieden dabei. Und irgendwann würde vielleicht mal der benötigte Arschtritt kommen, der mich aus meiner Faulheit erwachen lässt. Nun bin ich allerdings nicht faul, sondern in der Tat depressiv. Selbst, wenn ich will, kann ich nicht. Mehr zu dem Thema findet sich im oben verlinkten Blogpost. Depression ist eine Krankheit, kein Versagen.

Und dann reicht es nicht, Betroffenen vorzuwerfen, sie seien in Wirklichkeit einfach nur faul, nein, ihnen wird auch noch vorgeworfen, sie würden ihre Krankheit an die große Glocke hängen. Wird ihnen das Recht abgesprochen, über ihre Krankheit zu reden, sie zu enttabuisieren, ihre Stimme zu erheben. Auch dazu habe ich mich in einem anderen Post bereits geäußert, muss es aber hier erneut tun. In meinen Augen beinhaltet „etwas an die große Glocke hängen“ eine Form von Angeberei, von Wichtigtun. Zeigt mir denjenigen, der mit seiner Depression angibt und sich damit wichtig machen will. Gut, mag es vielleicht auch geben, aber dann ist die Depression selbst wohl das kleinere Problem. Über seine Depression zu reden bedeutet, einen wichtigen Schritt Richtung Besserung zu gehen. Einzusehen und zu akzeptieren, dass man krank ist. Solange dieser Schritt nicht getan ist, wird es schwierig, die Probleme, die der Depression zugrunde liegen, anzugehen. Jeder, der über seine Depression spricht – egal wie privat oder öffentlich die Person das tut – hat einen sehr schwierigen aber wichtigen ersten Schritt getan. Und das verdient Anerkennung, keine verbale Keule. Anerkennung, weil es einem heutzutage an vielen Stellen schwer gemacht wird zu sagen, dass man nicht perfekt ist, dass man nicht funktioniert, dass man Fehler hat und dass man so gar nicht dem Bild der Menschen entspricht, das in Werbung und Medien gerne verbreitet wird.
Jeder, der dann noch weiter geht, und seine Krankheit an die richtig große, öffentliche Glocke hängt, so wie ich mit diesem Blog und meinem Twitteraccount, aber auch so wie zahlreiche andere Betroffene, die wertvolle Aufklärungsarbeit nicht nur im Internet, sondern auch mit dem Schreiben von Büchern oder dem Halten von Vorträgen leisten, jeder also, der dies tut, macht das nicht aus Angeberei oder Wichtigtuerei. Sondern für Aufmerksamkeit – ja, er oder sie tut es für Aufmerksamkeit. Auf der einen Seite für Aufmerksamkeit für die Krankheit, und verdammt noch eins, das ist noch immer bitter nötig. Immer wieder gibt es Diskussionen um psychisch kranke Menschen, geistert ein falsches Bild durch die Medien, gibt es einen großen Aufschrei, wenn ein Prominenter seine psychische Erkrankung öffentlich macht. Immer noch bekommen Menschen, die öffentlich zu ihrer Krankheit stehen, Probleme am Arbeitsplatz, Unverständnis im Freundeskreis, Druck oder gedankenlose, aber dennoch verletzende Bemerkungen. Es ist und bleibt nötig, dass Betroffene den Mut finden, über ihre Krankheit zu reden. Zu erklären, was mit einem passiert, wenn die Depression einen im Griff hat, wie es sich anfühlt, welches Ausmaß die Krankheit erreichen kann und welche Begleiterscheinungen sie mit sich bringt. Nur so kann ein Umdenken stattfinden, kann es möglich werden, dass es so normal ist, über psychische Krankheiten zu reden wie über Herzinfarkte oder Migräne. Und diese Normalität ist nötig, damit sich Betroffene schneller Hilfe suchen und diese Hilfe auch bekommen (ohne Jahre auf Therapieplätze warten zu müssen).
Auf der anderen Seite möchte jemand, der über seine Depression spricht oder beispielsweise bei Twitter über seine Depression schreibt, vielleicht in der Tat auch die persönliche Aufmerksamkeit. Wünscht sich, dass jemand für ihn da ist, wenn es ihm schlecht geht, dass jemand zuhört und seine Sorgen und Ängste ernst nimmt. Dass jemand zumindest verbal hilft, ein bisschen Licht in das Dunkel der Depression zu bringen. Das hat rein gar nichts mit Wichtigtuerei zu tun, sondern mit dem Wunsch nach Hilfe und Unterstützung, weil es alleine gerade nicht geht. Es ist wichtig, so verdammt wichtig, dass sich Menschen mit Problemen nicht alleingelassen fühlen. Dass sie wissen, sie können und dürfen um Hilfe bitten, dürfen laut äußern – egal, ob öffentlich im Internet oder privat gegenüber Freunden, Familie, Kollegen – wenn sie alleine nicht weiterkommen und Unterstützung benötigen. Dieses Wissen kann Leben retten. Wenn ein depressiver Mensch den Eindruck bekommt, er dürfe nicht äußern, dass es ihm schlecht geht, wenn man ihm den Eindruck gibt, er müsse sich zusammenreißen, weil er einfach nur faul sei, wenn dies wieder und wieder passiert, dann kann es im schlimmsten Fall damit enden, dass sich die betroffene Person das Leben nimmt, weil sie alleine keinen anderen Ausweg findet. Die große Glocke kann Leben retten. Wenn also darüber reden, informieren, aufklären und um Hilfe bitten bedeutet, aufmerksamkeitsgeil zu sein, dann bin ich eben aufmerksamkeitsgeil. Und das ist gut so.

Und zu guter Letzt: Jemand, der sowieso schon gebeutelt ist, hat unter Umständen – entweder generell nicht und als Teil des Problems, oder krankheitsbedingt und vorübergehend – ein sehr niedriges Selbstwertgefühl und wenig Vertrauen darin, dass unter dem Misthaufen seiner psychischen Probleme verborgen, irgendwo der liebenswerte und wichtige Mensch steckt, der er ist. Und wenn dieser Mensch, der schon genug eigene Zweifel in sich trägt, derartige Aussagen liest, dann kann das fatal sein. Siehe oben. Und aus diesem Grund widerspreche ich und rege mich öffentlich über Aussagen wie den eingangs zitierten Tweet auf. Ja, vielleicht füttere ich einen Troll damit. Aber wenn dieser Bullshit unkommentiert bleibt, lässt man eine Chance ziehen, seine Stimme zu erheben und vielleicht irgendwen damit zu erreichen. Das wird mit Sicherheit nicht der Verfasser des Tweets sein. Da ist sicher sowieso schon Hopfen und Malz verloren. Aber vielleicht erreicht es jemanden, der aus Unwissenheit geneigt ist, solchem Mist zuzustimmen, aber doch ins Grübeln kommt. Oder – und das wäre der beste Fall – es erreicht eben den Menschen, den solche Aussagen verletzen, der sich davon verunsichert fühlt und dem die Depression weismacht, er sei in der Tat nur faul. Vielleicht erreicht dieser Widerspruch gegen Arschloschaussagen wie die zitierte jemanden, der sich allein fühlt und an sich zweifelt. Dieser Mensch soll wissen: nein, Du bist nicht faul, Du bist krank. Und niemand, wirklich niemand, hat das Recht, Dich dafür zu verurteilen.

Ich habe nicht immer die Kraft, um auf Tweets wie den obigen zu antworten. Nicht immer kann ich dagegenhalten und damit denjenigen, die mit diesen Aussagen beleidigt und verletzt werden, zeigen, dass sie nicht allein sind. Aber jedes bisschen hilft.

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20 Gedanken zu “Arschlochtweets – ein Rant

  1. Oh, Mann! Dieser Tweet ist mir (Gott sei Dank?) entgangen. Sowas macht mich auch immer sehr wütend. Gut, dass du das hier nochmal in aller Deutlichkeit klarstellst!

  2. Besonders der Teil in dem es um die persönliche Aufmerksamkeit geht, spricht mich gerade sehr an. Denn ich finde es unglaublich schwer, dass Gefühl einerseits Aufmerksamkeit zu wollen und andererseits das Gefühl sich nicht aufdrängen zu wollen, keine Belastung zu sein und nur zu „jammern“ nur schwer vereinbar. Ich wäre gerne ein bisschen mehr „aufmerksamkeitsgeil“, so wie Du, aber vielleicht werde ich das noch. 😉 Danke dafür!

    1. Ich kenne diesen Spagat. Schätze, da muss jeder seinen Weg suchen. Für mich war das eben Twitter. Ich weiß, dass ich von den Menschen in meinem Umfeld die Aufmerksamkeit bekomme, wenn ich sie möchte, aber es fühlt sich für mich besser an, auch noch andere Wege zu haben. Ob ich die dann nutze oder nicht, ist was anderes. Aber wenn ich das Gefühl hab, ich möchte gerade niemandem aus meinem Umfeld zur Last fallen (meine Deutung, nicht unbedingt die des Umfelds), kann ich auf anderem Wege darüber reden, was mir auf der Seele brennt. Aufmerksamkeit ist ein Grundbedürfnis, und mit seinen Problemen nicht alleine sein zu wollen und darüber reden zu wollen, ist noch lange keine jammern – aber das weißt Du sicher selbst ❤️

  3. Ich habe gerade eine briefliche Auseinandersetzung mit einer Sachbearbeiterin meiner Krankenkasse geführt, die mir mitteilte, dass mein Krankengeld gestrichen wird. Ich erhalte seit sechs Wochen diese Leistung und hatte, nach Absprache mit meiner Thearapeutin und meinem behandelnden Arzt, einen sanften Einstieg zu diesem Termin bereits im Vorfeld abgesprochen. In meinen Briefen habe ich gefragt, ob dieser für mich zuständigen Mitarbeiterin überhaupt das Krankheitsbild einer Depression bekannt ist und ob sie sich bewusst ist, welche Folgen ihr im Bürokratendeutsch verfasstes Anschreiben auf einen suizidgefährdeten Kranken haben könnte. Zwar habe ich das Anliegen und die damit verbundenen Vorgaben der Kasse verstanden, für das schablonenhafte Denken, ohne jedes Verständnis für die vorliegende Erkrankung, habe ich allerdings absolut kein Verständnis. Es ist eben ein Unterschied, ob ich mit einem Gips in Erscheinung trete, oder ob ich, unsichtbar für mein Umfeld, die Rolläden bei Sonnenschein runterlasse, weil die Frühlingssonne so überhaupt nicht mit meinem psychischen Befinden korrespondiert.

    1. Krass! Ist Dein Arzt in diesen Schriftwechsel involviert? Meine Kasse wollte mich nach 11 Monaten AU innerhalb von zwei Wochen wieder zur Arbeit schicken, das hat mich auch ziemlich umgehauen. Meine Ärztin hat dann Dampf bei der Kasse gemacht. Es waren sehr viele Ausrufezeichen involviert…
      Ich wünsch Dir viel Kraft und Erfolg dabei!

      1. Ich hatte sowieso vor, meine Arbeit wieder aufzunehmen und habe meiner Endbescheinigung für die Kasse einen entsprechenden Brief beigelegt, in dem ich klarmachte, dass nicht die Post der Kasse ausschlaggebend für diese Entscheidung war. Den Brief habe ich in Kopie auch an die Geschäftsleitung weitergeleitet. Wäre eine weitere Krankschrift notwendig gewesen, hätten sich mein Arzt und meine Therapeutin eingeschaltet.

  4. Der Weg zum Therapeuten ist nicht nur wegen der Wartezeiten so ein schwieriger Schritt. Da ist es gut, wenn es jemand gibt, dem man sich anonym öffnen kann, von dem man Hilfe bekommt oder Tipps, oder mit dessen Hilfe man sich weniger allein oder wertlos fühlt.
    Menschen wie Du sind vermutlich eine der ersten Anlaufstellen für andere Depressive.
    Du weißt, wovon Du sprichst!

    „Gut gemacht!“, sag ich nur! 😀 Und: Danke

  5. Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Außer…… diese Arschlöcher sind mit Sicherheit zu faul, diesen Post zu lesen!

  6. Danke! Und Bravo! Dein Text ist großartig und sowas von nötig. Aus ganzem Herzen Danke und falls du magst, fühle dich mal umarmt.
    Liebe Grüße
    Heike

  7. Ich find es toll, dass Du offen über Depressionen schreibst. Leute wie Du haben mir und anderen auf unseren Wegen sehr geholfen, Deppen kann ich deshalb auch besser ausblendend 😉

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