Notes from a Black Hole

Gut ging es mir in letzter Zeit. Mein letzter Beitrag war optimistisch, und abgesehen von kleinen Tiefs, die sich wie Pusteblumenpollen kurz in den Haaren verfangen, bevor der Wind sie weiterträgt, war alles ziemlich prächtig. Und dann kam, fast wie aus dem Nichts, ein schwarzes Loch, das ich in dieser Form lange nicht mehr erlebt hatte. Und das mir erstmal Angst machte. Und deshalb muss ich mir dieses Tief jetzt von der Seele schreiben.

Mir ging es gut die Woche über, am Montag schrieb ich dem besten Freund noch: „Es fühlt sich gerade ganz seltsam an, aber ich glaub, ich bin gerade für einen Moment glücklich.“ Ich hatte meine vier Stunden Arbeit hinter mir, war mittags in mein Lieblingscafé gegangen, bin dort fast drei Stunden geblieben und habe gelesen, gegessen und Kaffee getrunken. Anschließend war ich ein bisschen glücklich. Mittwoch und Donnerstag lief dann die Therapie irgendwie seltsam, meine längst überfällige Periode war doch noch gekommen (Hormone! Hormone!) und ich ich war insgesamt recht dünnfellig. Und dann ist Donnerstag Abend und ich liege traurig und aufgewühlt im Bett. Alles schmerzt, aber es ist ein schmerzloser Schmerz. Einer, der in der Seele sitzt und weh tut, aber nicht genau zu lokalisieren ist. Die Tränen fließen, aber nicht so, dass sie Erleichterung bringen, sondern nur mal kurz und lautlos, und dann versiegen sie wieder. Ich telefoniere mit einem Mit-Deprikowski und fange auch am Telefon an zu weinen. Ich beschließe, dass der Tag zu Ende und das Tief sicher nur eine dieser kleinen, nicht immer ganz erklärbaren Dellen in der Seele ist, die sich in ein, spätestens zweit Tagen von selbst wieder entbeult hat, und gehe schlafen.

Freitag morgen. Als ich aufwache, weiß ich noch nicht recht, wie es mir geht, und spüre noch nicht, ob das Tief bereits entbeult ist oder nicht. Mir wurde zu Beginn der Wiedereingliederung von Arbeitgeberseite aus mitgeteilt, dass ich zu Hause bleiben solle, wenn es mir mal nicht gut gehe. Lieber etwas vorsichtiger sein als etwas aufs Spiel zu setzen. Aber ich spüre: ich möchte zur Arbeit, möchte unter Leuten sein, möchte eine Aufgabe haben und abgelenkt sein. Aber pünktlich aus dem Bett komme ich dann doch nicht und komme eine halbe Stunde später zur Arbeit. Dort merke ich, dass ich noch immer niedergeschlagen bin. Ich komme nicht recht in Schwung, möchte meine Ruhe haben und verspüre wenig Lust, mich am üblichen Herumgealbere zu beteiligen. Als die Lieblingskollegen zum Mittagessen gehen und fragen, ob ich mit möchte, lehne ich ab: ich möchte mit meiner Stimmung für mich bleiben. Nach ein paar Erledigungen bin ich zu Hause und verspüre wieder nur den Drang, im Bett zu liegen. Glücklicherweise ruft abends eine Freundin an. Für einen Sekundenbruchteil bin ich versucht, das Klingeln zu ignorieren, aber ich setze mich der Depression gegenüber durch und gehe ran. Wir trinken gemeinsam am Telefon ein Gläschen Wein und reden zweineinhalb Stunden über Gott und die Welt. Danach fühle ich mich etwas besser und gehe schlafen, mit mir die Hoffnung, dass ich am nächsten Tag wieder etwas mehr Antrieb haben würde und zum Geburtstag eines Freundes würde gehen können.

Am Samstag brauche ich nach dem Aufwachen wieder einen Moment, bis ich meine Empfindungen sortiert habe. Aber sobald ich richtig wach bin, weiß ich: es geht mir nicht besser. Ich habe keinerlei Ambitionen, aufzustehen, und der Gedanke daran, nachmittags unter Leute zu gehen und einen Geburtstag zu feiern, verursacht ein deutliches Widerstreben in mir. Ich bleibe im Bett liegen und gebe mir noch ein wenig Zeit, bevor ich eine Entscheidung treffe. Ich starre Löcher in die Luft, drehe mich von einer Seite auf die andere und wieder zurück. Zwischendurch schaue ich bei Twitter rein, denn 280 Zeichen ist eine Textlänge, die ich in diesem Zustand gut verarbeiten kann. Darüber hinaus wird es schwer. Auch, wenn ich mich schlecht fühle deswegen, treffe ich mittags eine Entscheidung und sage dem Freund ab. Ich weiß, dass er es verstehen wird, dass er nicht sauer sein wird, aber für mich fühlt es sich nicht gut an, wieder etwas abgesagt zu haben. Doch mein Gefühl sagt mir auch sehr klar, dass es die richtige Entscheidung ist. Ich kann und will einfach nicht. Vielleicht hätte ich mich zwingen können aufzustehen, zu duschen und loszugehen. Aber ich habe einfach keine Kraft, mich zu zwingen. Und ich will es auch nicht. Genau genommen will ich gerade gar nichts. Ich will nicht einmal etwas wollen. Einfach nur im Bett liegen und nichts tun. Wieder starre ich die Wand an und halte mich dabei an meinem Teddybären fest. Ein kleiner Versuch, Halt zu bekommen. Ich fühle mich leer und gleichzeitig so voller Gedanken und Empfindungen, dass ich nicht weiß, wo vorne und hinten ist. Das ganze vermischt sich mit diesem unterschwelligen, immer anwesenden Traurigschmerz, der wie ein subtiler Kopfschmerz immer da ist. Ich denke an meinen Ergotherapeuten, der stets das Augenmerk auf die Gefühle lenkt. Wie fühlt sich das an? Was spüren Sie? Welche Bilder tauchen auf? Weg von den Gedanken, hin zu den Gefühlen, denn die schlechten Gedanken verursachen schlechte Gefühle verursachen schlechte Gedanken und zack! steht der Teufelskreis. Doch auch das geht nicht. Ich kann weder denken noch spüren, noch mich auf irgendetwas konzentrieren. Es geht einfach nichts. Nur Vormichhinsein. Auf Twitter sprechen mir meine Mit-Deprikowskis Mut zu und ich weiß, sie alle kennen das. Wissen, wie es ist, wenn nichts mehr geht. Ich bekomme Unterstützung, per Tweet und auch per Whatsapp. Der Versuch, mit jemandem eine Uhrzeit auszumachen, zu der ich aufstehen soll, scheitert. Mich lockt rein gar nichts aus dem Bett, und die Vorstellung, nach draußen zu gehen, wird in meinem Kopf gleich blockiert. Meine Welt endet wieder an der Bettkante. Auch eine zweite angepeilte Uhrzeit verstreicht, ohne, dass ich das Bett verlasse. Ich verspüre null Antrieb und es ist völlig ok, einfach nur zu liegen und die Wand anzuschauen, gelegentlich mal ein wenig per Twitter oder Whatsapp den Faden zur Außenwelt zwischen den Fingern spüren, aber Langeweile, oder gar Hummeln im Hintern, die mich aufstehen und irgendetwas tun lassen, gibt es nicht. Nichts passiert. Ich kann zwischenzeitig nicht einmal genau sagen, dass es mir schlecht geht, denn deutliche, negative, laute Emotionen, die bei anderen Schlechtzuständen da sind, spüre ich nicht. Es ist die Abwesenheit aller anderen, guten Emotionen, aus denen sich dieses schlecht definiert. Nichts erregt Interesse in mir, oder den Wunsch, mich mit etwas zu beschäftigen. Das Gewicht der Depression lastet so schwer auf mir, dass mein gesamtes Denken und Empfinden zum Erliegen kommt, wie eine Blechlawine auf der Autobahn mitten in der Ferien- und Baustellenzeit. Nichts geht mehr, und allein mit Wollen ist rein gar nichts erreicht.
Nach einer Weile schaffe ich es zumindest, mir einen Kakao zu kochen und eine Stulle zu schmieren. Ein erstes Erfolgserlebnis. Für jemanden, der noch niemals diese lähmende Antrieblosigkeit gespürt hat, ist wahrscheinlich nicht nachvollziehbar, welch großer Schritt diese paar Handgriffe in diesem Zustand für mich sind. Der beste Freund schreibt, dass meine Absage keineswegs bedeute, dass ich wieder etwas nicht geschafft habe. Sein Freund – Psychologe – betone stets, dass wir harte, psychische Arbeit leisten und somit durchaus etwas tun, auch, wenn wir Verabredungen absagen und daheim bleiben. Für gewöhnlich ist das etwas, das zu predigen ich selbst nie müde werde, doch heute muss ich vom Freund daran erinnert werden. Heute muss ich überhaupt an all die Dinge, die ich anderen in Tiefphasen immer wieder vor Augen führe, selbst erinnert werden: es darf sein, es ist ok, Du hast viel geleistet in letzter Zeit, sei gut zu Dir, sei nachsichtig mit Dir. Immer mal wieder habe ich per Telefon oder Nachricht kurze Kontakte zur Welt hinter meiner Bettkante. Das Kakaokochen nimmt mir zwar niemand ab und mich niemand in den Arm, aber es sind Menschen da, die das schwarze Loch ein bisschen weniger einsam machen.
Gegen 19.30 Uhr schaffe ich es, aufzustehen und duschen zu gehen. Ich fühle mich etwas besser und schaffe es, mir ein schnelles Trostessen zu kochen. Damit begebe ich mich aufs Sofa und schaue halbherzig einen Film. Die lähmende Antriebslosigkeit vom Tag ist zumindest etwas gewichen; ein bisschen Bewegung wird möglich. Nach dem Film ist jedoch recht bald Ende: nach drei Stunden des Nichtliegens merke ich die Erschöpfung des Tages. Um halb elf liege ich wieder im Bett und bin müde. Ich habe den Großteil des Tages herumgelegen und vermeintlich nichts getan, doch nun merke ich, wie anstrengend dieser Zustand war. Das ständige Arbeiten und Rotieren des Unbewussten, all die Versuche zu spüren, zu denken und zu verstehen im Bewussten. Depressiv sein ist anstrengend, selbst dann, wenn man versucht, das schwarze Loch anzunehmen und sich nicht dagegen zu wehren – das Unbewusste feiert dennoch wilde Parties. Ich hatte noch nie Migräne, aber als ich einem Freund beschrieb, wie es sich anfühlt, wenn das schwarze Loch am Endes des Tages ein wenig heller wird, bestätigte er mir, dass es sich für ihn nach Migräneattacken genau so anfühle.
Zwei Freundinnen hatten mir heute angeboten, mir morgen Kaffeegesellschaft zu leisten, wenn mir danach sein sollte, und während ich den Samstag für beendet erkläre, nehme ich mir fest vor, dafür morgen den Antrieb zu finden.

Als mich die Depressionsapp am Sonntag danach fragt, wie ich mich fühle, bin ich ratlos. Wieder dauert es, bis ich mich sortiert habe und weiß: nein, gut ist es immer noch nicht. Und das Besser im Vergleich zu gestern, ist noch so winzig, dass ich es nicht definieren kann. Aber ich schaffe es, den beiden Freundinnen zu schreiben und die Kaffeeverabredung fest zu machen. Nun habe ich also eine feste Uhrzeit, zu der ich aus dem Bett muss. Und heute fühlt es sich machbar an. Der Traurigschmerz ist noch immer da, aber er lähmt mich nicht so sehr wie gestern. Etwas Bewegung kommt in die Blechlawine auf der mentalen Autobahn. Es ist kein Stillstand mehr, sondern ein langsames Stop and Go. Am frühen Nachmittag schaffe ich es tatsächlich aus dem Bett und wieder unter die Dusche. Alles dauert lange, aber ich komme tatsachlich wie geplant um 14.30 Uhr aus dem Haus. Aus dem Stop and Go wird zäh fließender Verkehr.
Das Treffen mit den beiden ist schön. Wir können darüber reden, wie es mir geht, und kommen dann auch zu anderen Themen. Niemand gerät in Panik, weil es mir mal nicht gut geht, und es hilft mir zu wissen, dass auch andere Betroffene schon von jetzt auf gleich recht überraschend wieder von der Depressionskeule getroffen wurden. Diese plötzliche Wendung der Stimmung macht mir nämlich zu schaffen. Es ist die Unberechenbarkeit, die das Ganze so tückisch macht, und die mich auch in guten Phasen nie so ganz entspannt und unbeschwert sein lässt. Nachdem wir noch ein wenig spazieren gegangen sind, trennen sich unsere Wege, und ich merke schnell, wie der Traurigschmerz wieder an Präsenz gewinnt. Dennoch ist mein Gesamtbefinden von schlecht auf mittelmäßig gestiegen. Als ich mich zu Hause wieder aufs Bett fallen lasse, fühle ich mich nicht mehr ganz so gelähmt. Auch die Aussicht, morgen wieder früh aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, hilft mir.

Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird, ob das schwarze Loch sich weiterhin breit machen wird oder tatsächlich wieder auf dem Rückzug ist. Aber, so hoffe ich, fürs erste ist die ganz akute Seelenmigräne jetzt erst einmal überstanden. Stay tuned…

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8 Gedanken zu “Notes from a Black Hole

  1. Wie ich dir gestern schrieb: einatmen, ausatmen. Manchmal ist das alles, was muss. In solchen Zeiten reicht das auch. Einfach weiter atmen, weiter sein, sonst nichts.
    Die schwarzen Löcher werden immer wieder kommen. Manchmal spürst du sie anrollen, manchmal schleichen sie sich von hinten an. Aber sie kommen. Ich lerne langsam, dass das okay ist. Vielleicht sind sie für irgendwas gut, vielleicht zwingen sie dich zum Stillstand, wenn du es brauchst, aber nicht tust? Grade nach so einer Hoch-Zeit wie jetzt bei dir mit der erfolgreichen Wiedereingliederung in die Arbeit. Das kostet Kraft, viel mehr als vor der Depression. Das heißt auch, dass du die Kraft wieder auffüllen musst. Und wenn du dafür 2 Tage Bettruhe brauchst, dann ist das so. Dann ist das kein Versagen und kein „du schaffst wiedermal nix“, sondern dann ist das Selbstfürsorge und die ist genauso aktiv wie eine Verabredung abzusagen, weil sie dir nicht gut tun würde.

    Genauso sicher wie ich mir bin, dass die Löcher immer wieder kommen werden, bin ich mir inzwischen darin, dass sie auch wieder verschwinden – sofern ich mich nicht selbst bestrafe und mich noch weiter runter ziehe mit Vorwürfen und schlechtem Gewissen. Wenn ich sie als notwendige Auszeit begreife, die meine Seele braucht, um mit irgendwas klar zu kommen, kann ich darauf vertrauen, dass es weiter geht und die Energie zurück kommt.

    Vertrau dir, liebe Erna, du bist auf einem guten Weg. Und wenn die Schnieptröte mal wieder besonders nervt, dann kann es eventuell auch mal daran liegen, dass sie Angst im Dunkeln hat.
    Ich nehm Euch in den virtuellen Arm: die Tröte und dich.

  2. „Es ist die Abwesenheit aller guten Emotionen, aus denen sich dieses schlecht definiert.“ Ja, das beschreibt es gut. Ich bin seit Januar 2017 in diesen schwarzen Loch. Und für mich ist vieles noch unbekannt. Zu lesen, dass es anderen genauso geht, ist zwar traurig, aber auch erleichternd. Mir fällt es oft schwer in Worte zu fassen, was in mir vorgeht oder nicht vorgeht, weil mir diese Empfindungen fremd sind. Bzw. oft auch dieses Nichtempfinden. Danke für diesen Text. Ich wünsche dir einen guten Start in die Woche.

    1. Nein, Du bist wahrlich nicht alleine damit. Ich mein depressives Ich auch immer noch weiter kennenlernen. Immer wieder neu.
      Ich wünsch Dir alles Gute und viel Mut und Kraft!

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