Jo Mann, was geht (nicht)?

Der vorige Blogbeitrag ist bereits fünf Wochen her, und viel ist seitdem passiert. Seit fünf Wochen arbeite ich wieder, und oft frage ich mich: was geht eigentlich schon wieder alles? Und was nicht? Wie sehr muss ich aufpassen? Was kann ich mir zutrauen, und wann muss ich einen Gang herunterschalten? Im letzten Beitrag schrieb ich von meinem Wunsch nach LEDs, die mir frühzeitig anzeigen, in welcher psychischen Klimazone ich mich gerade bewege, und die mich warnen, wenn ein Wechsel in eine andere Zone die Anpassung der Felldicke erforderlich macht. Natürlich habe ich in der Zwischenzeit kein Warnsystem installiert, das mich eindeutig und frühzeitig informiert. Und natürlich trage ich dieses Warnsystem eigentlich ja auch schon in mir. Dennoch ist es nicht leicht, immer rechtzeitig zu merken, wenn gerade psychisch etwas in die Binsen geht. In der Hinsicht ist nix mit schnurlos, im Gegenteil, meine Leitung ist lang. Aber ich arbeite daran, und nach fünf Wochen ist es mal an der Zeit festzuhalten, was schon alles geht, und was nicht – denn der neue Tagesrhythmus, den ich nun habe, zeigt mir bisher ziemlich gut, was bereits wieder geht und wo weiterhin Zurückhaltung angesagt ist.

Die Wiedereingliederung läuft. Sie ist anstrengend, aber sie läuft. Der Start war gut, die Kollegen haben sich darüber gefreut, dass ich wieder da bin, und nachdem ich zu Beginn meiner Depression unter keinen Umständen im Büro hatte vorbeischauen und die Kollegen besuchen wollte, war es nun gut, dass ich gegen Ende doch immer mal wieder im Büro gewesen war, wenn ich mich dazu in der Lage gefühlt hatte. Auch die Offenheit in Bezug auf meine Depression hat sich bezahlt gemacht. Dadurch, dass fast alle Bescheid wissen, kann ich auch mal spaßig „Jetzt lass das mal, ich werd‘ sonst wieder depressiv!“ durchs Großraumbüro krakeelen. Keine Ausreden, kein Verstecken, kein Herumdrucksen und Umschiffen haariger Themen. Ich möchte diese Offenheit ausdrücklich nicht jedem empfehlen, denn mit den falschen Leuten auf der Arbeit kann dieser Schuss nach hinten losgehen. Aber in meinem Fall hat es funktioniert, und darüber bin ich froh.
Nachdem ich die ersten anderthalb Wochen drei Stunden täglich im Büro war, sind es inzwischen vier und ab nächster Woche werden es fünf. Zu Beginn war es anstrengend. So anstregend, wie ich es bei drei Stunden nie vermutet hätte. Nach Feier“abend“ habe ich das Büro verlassen, bin direkt nach Hause gefahren, nicht über Los und habe mich ins Bett gelegt. Egal, wieviel ich nachts geschlafen hatte – Mittagsschlaf ging immer. Die vielen neuen Informationen, die plötzlich in mein Gehirn strömten, der Lärmpegel des Großraumbüros, und überhaupt die Tatsache, wieder regelmäßig unter Menschen und Teil eines Teams zu sein, haben mich zu Beginn ziemlich erschöpft. Es war und ist noch immer spannend herauszufinden, wieviel mein Hirn schon wieder kann. Es ist mehr, als ich dachte, und es wird langsam besser. Inzwischen fallen mir Dinge schneller wieder ein, und ich bemerke auch schneller, wenn ich gerade dabei bin, etwas Unlogisches zu tun. Dennoch ziert eine Horde gelber Klebezettel meinen Schreibtisch und ich frage Dinge nach, die eigentlich früher zu meiner Routine gehörten. Es ist eben nicht nur ein von der Depression gebeutelter Bregen, sondern es sind auch 53 Wochen, in denen wahrscheinlich jeder Zeug vergessen würde.
Bestimmte Dinge funktionieren noch nicht gut. Meetings beispielsweise erschöpfen mich noch immer. Längere Zeit konzentriert zuzuhören, mitzudenken und anwesend zu sein ist etwas, das noch ausbaufähig ist. Spontane Planänderungen in meinem Arbeitsablauf bringen mich aus der Ruhe und lassen mich erst einmal panisch überlegen, ob ich das wirklich schaffe. Gewisse Aufgaben fallen mir noch schwer, und ich merke, dass ich lieber mehr Zeit einplane, als dass ich am Ende ins Rudern komme. Auch in der Freizeit zögere ich, zu viel Zeit zu verplanen. Mindestens einen Tag in der Woche brauche ich, an dem rein gar nichts geplant ist: keine Arbeit, keine Therapie, keine Freunde, kein Haushalt, nichts. Da überlege ich dann spontan, wonach mir ist, warte, ob Antrieb kommt und wenn nicht, versuche ich, auch das unbesorgt hinzunehmen. Es fällt mir noch immer schwer, rechtzeitig Gebustatgsgeschenke zu besorgen, und Telefonate mit Menschen, mit denen ich nicht eh schon regelmäßig in irgendeiner Form in Kontakt stehe, sind noch schwierig für mich. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum das so ist. Aber ich kann und will mich nicht ständig zu etwas zwingen müssen, deswegen nehme ich es jetzt erst einmal so hin – und hoffe, dass es dann besser wird und ich auch wieder Antrieb und Freude für und an Dingen habe, die ich normalerweise immer gern gemacht habe. Wie telefonieren eben. Auch Sport ist so eine Sache, die mir definitiv mal wieder gut tun würde, für die ich aber zur Zeit zu wenig Kraft übrig habe. Ich muss haushalten mit der Energie und der guten Laune, und verzichte lieber auf etwas – auch auf gute Sachen – als dass ich das Gefühl bekomme, mich gerade zu überfordern. Anstatt die ganze Bude auf einmal aufräumen zu wollen, mache ich jeden Tag nur wenig. Mal ist es eine Ladung Wäsche, mal lege ich ein paar herumliegende Klamotten zusammen, am nächsten Tag räume ich sie weg, dann bringe ich an einem Tag den Müll runter, an einem anderen mache ich den Abwasch. Dinge, die „normale Menschen“ innerhalb kürzester Zeit erledigen, die mich aber besonders, seit ich wieder arbeite, Kraft kosten.
Aber: es geht mir gut. Ich merke, was noch nicht funktioniert, ich versuche, damit umzugehen, und ich stelle fest, dass mir die Arbeit hilft. Es ist ein fester Ablauf, eine Struktur, ich werde gefordert und habe endlich das Gefühl, nicht mehr nutzlos durch die Zeit zu oszillieren. Im Gegensatz zu meiner psychischen Arbeit, sehe ich, was ich geschafft habe.

Woran ich mich aber trotz des Aufwärtstrends immer wieder erinnern muss – oder woran mich zur Not auch mal meine Depression mit einem kleinen Schwung mit dem Zaunpfahl erinnert – ist, dass auch gute Phasen anstrengend sind. In diesen Phasen habe ich gute Laune, lebe fröhlich vor mich hin, habe Antrieb, bekomme Dinge gebacken, treffe Menschen und fühle mich gut. Und wie leicht passiert es, dass ich dann „nachlässig“ werde, fast ein bisschen unbeschwert. Ich merke gar nicht, dass auch diese guten Tage Kraft kosten – so schön sie sind und so sehr ich sie auch genieße. Aber irgendwann gibt es eine Erinnerung. Mal mit mehr, manchmal mit weniger Wumms, und mal von längerer und mal von kürzerer Dauer. Dann spüre ich für einen Moment, dass die Energie, die der Antrieb in guten, vielleicht sogar geschäftigen Phasen, verbraucht, nicht so schnell nachproduziert wird, wie es bei gesunden Menschen wohl der Fall ist. Für sie kosten kleine Dinge oder alltägliche Routinen nicht viel, fällt der Energieverbrauch kaum ins Gewicht. Erst, wenn deutlich mehr Kraft benötigt wird, wenn Dinge anstrengend oder mühsam werden, oder auch herausstechend gut und frischluftintensiv – man denke nur mal daran, wie müde man nach einem tollen Sommertag an der frischen Luft ist – macht sich abends eine größere Müdigkeit bemerkbar als üblicherweise.
Manchmal sind diese Wumms-Momente fies und gemein, dann scheint plötzlich alles Mist zu sein, dann laufen Tränen, dann ist die Verzweiflung da und mit ihr die Erinnerung an das vergangene Jahr, in dem diese Momente zahlreich waren und gerne auch mal etwas länger anhielten. Im Schlepptau hatten sie Leere, Gleichgültigkeit und Antriebslosigkeit: die heiligen drei Könige meiner Depression. Gleichzeitig ist die Furcht da. Wird das jetzt länger so bleiben? Ist das ein Rückfall? Geht es wieder bergab? Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Habe ich mir zu früh zu viel zugemutet? Diese Furcht lauert immer im Hintergrund – egal, wie intensiv der Moment ist, egal, wie lange er letztendlich anhält, und egal, wie kurz die vorigen Momente waren. Die Angst, es könne wieder bergab gehen, ist noch immer präsent. Mal mehr, mal weniger laut.

Ich lerne mich immer noch, schon wieder, neu kennen. Die Erna, die nun in der Wiedereingliederung steckt, ist schon wieder eine andere als diejenige, die das letzte Jahr arbeitsunfähig in den Seilen hing, war eine andere als diejenige, mit der es bergab ging, war eine andere als diejenige, die nach München gezogen ist. Ich muss mich wieder und wieder neu kennenlernen, muss durchschauen, wie ich jetzt funktioniere, was ich jetzt inzwischen wieder kann. Wenn ich an das vergangene Jahr zurückdenke, ist es der Wahnsinn, was inzwischen schon wieder alles geht und wie sich meine Stimmung und mein Antrieb trotz mehr oder minder regelmäßiger, kleinerer oder weniger kleinerer Faustschläge weiter langsam und Schritt für Schritt entwickeln. Auch die Erschöpfung der Wiedereingliederung scheint langsam etwas nachzulassen. Es gibt Tage, an denen komme ich wieder ohne Mittagsschlaf aus, und ich merke, dass auch etwas Antrieb zurückkehrt. Stück für Stück wird meine Wohnung wieder etwas ordentlicher und ich verspüre nicht mehr ständig den Drang, mich ins Bett zu legen und erstmal ausruhen zu müssen.

Im Match Arbeitsunfähig:Wiedereingliederung steht es 53:5. Ich bleibe am Ball – und hole auf, auch wenn ich weiterhin auf der Hut bin. Die dunkle Phase ist noch immer nicht abgeschlossen, und ich bin auch weiterhin noch nicht voll belastbar. Aber ich habe Hoffnung und fühle mich stärker- und das ist etwas, das ich im vergangenen Jahr nur selten erlebt habe.

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5 Gedanken zu “Jo Mann, was geht (nicht)?

  1. Ich hatte noch nie Herpes. Du meinst, das ist der Grund? Irgendwas läuft in meinem Leben schief… äh, warte…

    Ich drück dich hier auch nochmal!

  2. Meine frühere Therapeutin sagte mal: „Depression ist wie Herpes. Manche haben den Virus in sich, manche nicht. Er bricht nicht bei allen aus, die ihn in sich haben. Aber wenn er mal ausgebrochen ist, dann kommt er immer wieder. Dann geht es nur darum, ihn richtig zu behandeln, damit er nicht so sehr stört und wieder geht. Bis zum nächsten Mal.“
    Wenn ich dich lese, würde ich schätzen, dass du eine gute Behandlungsmethode gefunden hast. Solange du daran denkst, dass der Virus da ist und von Zeit zu Zeit deine Aufmerksamkeit verlangt, kannst du damit klar kommen. Ich wünsch es dir von Herzen! <345

    1. Danke von Herzen, liebe Ulrike! Ich finde die Beschreibung SEHR passend. Trifft ins Schwarze. Ich gehe auch davon aus, dass die Schnieptröte immer wieder Thema sein wird. Aber dann erwischt sie mich nicht mehr unvorbereitet!

      (ich hate in meinem Leben maximal einmal Herpes bisher – damit wäre dann auch geklärt, warum ich die Scheißdepression an den Hacken hab 😂)

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