53 Wochen

Heute ist der 6. Februar 2018. Heute vor genau 53 Wochen zog ich nach der Mittagspause die Reißleine, ging zu meiner Psychiaterin und ließ mich arbeitsunfähig schreiben. Und morgen hat das ein Ende, denn morgen werde ich wieder anfangen zu arbeiten.

Am 7. Februar beginnt meine Wiedereingliederung in das Arbeitsleben. Wiedereingliederung heißt: Schritt für Schritt werde ich über einen Zeitraum von fast 12 Wochen die Anzahl der Stunden, die ich am Tag arbeiten werde, steigern. Zunächst werden es nur drei Stunden sein, danach vier, dann fünf, dann sechs. Am Ende werde ich wieder bei meiner vollen Arbeitszeit von acht Stunden am Tag angekommen und damit wird die Wiedereingliederung beendet sein. Bis es soweit ist, bekomme ich weiterhin Krankengeld. Erst, wenn ich wieder voll arbeite, gibt es wieder das volle Gehalt vom Arbeitgeber. Bis dahin zahlt die Krankenkasse.
Ich bin nervös. 53 Wochen lang war ich raus aus dem Arbeitsleben, raus aus Alltag und Routine, aus Prozessen, Entscheidungen, aus spannenden und langweiligen Aufgaben. Ich habe mich 53 Wochen lang nur um mich gekümmert. Nur… „nur“… Ich habe nicht im betriebswirtschaftlichen Sinne gearbeitet, habe nichts beigetragen zum Bruttosozialprodukt, zum Erfolg meiner Firma. Aber ich habe an der Sanierung meiner Seele gearbeitet, und das – ich musste mich selbst immer wieder von anderen daran erinnern lassen – ist genauso Arbeit. Sogar noch viel mehr Arbeit, denn Feierabend, Mittagspause, Feierabendbier und Wochenende, all das gibt es in der psychischen Arbeit nicht. Die Psyche arbeitet immer, die Psyche kennt keinen Feierabend. Selbst nachts, wenn wir schlafen, arbeitet sie.
Ich bin also nervös, frage mich, ob ich es gut hinbekomme. Ob meine Aufmerksamkeitsspanne reicht, ob ich genug Konzentration haben werde, um meine Aufgaben zu erledigen, ob ich wieder genug Kraft habe, meine Arbeit zu erledigen, zur Therapie zu gehen und ab und an mal Sport zu treiben. Ich weiß es nicht, und ich kann es auch nicht wissen, bevor ich es nicht versucht habe. Bin ich schon wieder so weit? Diese Frage stelle ich mir häufiger. Bei körperlichen Krankheiten lässt sich das meist recht gut anhand konkreter Faktoren überprüfen. Sind die Blutwerte wieder normal? Ist die Körpertemperatur normal? Ist der Knochen wieder zusammengewachsen? Bei einer Depression lässt sich so etwas schwer sagen. Es hängt viel von subjektiven Empfindungen ab. Wie oft schon habe ich mir ein kleines Warnsystem gewünscht. Rote LED: die Kacke ist am Dampfen (ja, auch das merkt man nicht immer sofort. Dass man in Hundescheiße getreten ist, stellt man ja auch häufig erst fest, wenn es im Hausflur unschön zu riechen beginnt…). Gelbe LED: Obacht, das Fahrwasser wird unruhig, lieber die Segel neu justieren und an die neue Situation anpassen. Grüne LED: alles im Lot aufm Boot. Wie praktisch wäre das doch, schließlich merkt man oft genug an der Oberfläche erst einmal nicht, welch eskalierende Party das Unbewusste gerade feiert.  Denn die Depression ist noch immer da. Keine Ahnung, wie lange ich wirklich stabil sein muss, damit sie weg ist, und so ganz weg wird sie sicher nie sein. Ich habe noch immer Schwierigkeiten damit, mich längere Zeit zu konzentrieren, vergesse immer noch Dinge oder mache unlogisches Zeug. Wenn gerade Rush Hour im Hirn ist, ja selbst dann, wenn ich tolle Sachen erlebe, macht sich irgendwann Erschöpfung bemerkbar. Nicht immer die psychische, aber die physische. Dann muss ich erst einmal einen Gang runter schalten und mich mal eine Runde ausruhen.
Das Schöne ist, dass genau dafür die Wiedereingliederung da ist: sich langsam wieder an einen Arbeitsrhythmus zu gewöhnen, langsam wieder das Hirn zu fordern und die Belastung erst nach und nach wieder zu steigern. Nach 53 Wochen direkt von null auf hundert wäre sicher keine Idee, deren Umsetzung man in Betracht ziehen sollte. Und es gibt ja auch noch den Teil, der sich auf die Arbeit freut. Auf das Team, auf meine neuen Aufgaben, die mich erwarten werden, darauf, endlich wieder ein Teil des Ganzen zu sein, eine Aufgabe zu haben. Es kann sein, dass sich ganz langsam wieder ein Gefühl der Langeweile einschleicht, und Langeweile gibt Antrieb.

Die vergangenen 53 Wochen waren hart. Nicht immer und nicht jeden Tag, und zu Beginn mehr als gegen Ende, aber es war eine Zeit, die mir insgesamt sehr viel abverlangt hat. Jemand, der nicht selbst ähnliche Erfahrungen gemacht hat, wird kaum nachvollziehen können, wie hart es ist und wie viel Energie es kostet, den Kampf gegen eine Depression aufzunehmen. Allein die Psychoanalyse, die ja unterstützen und eine Heilung herbeiführen soll, kostet erst einmal enorm viel Kraft und Durchhaltevermögen, bevor sich die Puzzleteile langsam zu ordnen beginnen und zu größeren Bildern zusammenfügen lassen. Ein Freund, der gerade selbst eine Ausbildung zum Psychoanalytiker begonnen hat, sagte einmal, dass erst das ganze Gebäude eingerissen und jede Menge Staub aufgewirbelt wird, bevor man sich dann ein neues, stabiles Fundament aufbauen kann. Inzwischen weiß ich sehr genau, was er damit meinte, und hoffe, dass ich inzwischen im Wiederaufbau eines neuen Gebäudes angelangt bin, das auf einem neuen, stabilen Fundament steht.
In den vergangenen 53 Wochen habe ich häufig das Gefühl gehabt, es täte sich nichts, es ginge nichts vorwärts. Es gibt einige Themen, bei denen das auch noch immer der Fall ist. Und dann auf einmal merke ich aber, wieviel sich eigentlich getan hat in den letzten Monaten. Da stecke ich in einer Situation, die zuvor viele negative Gefühle ausgelöst hätte, und auf einmal merke ich, dass ich die Sache viel besser im Griff habe. Und dann wird mir bewusst, dass die schlechten Tage weniger werden. Wenn ich falle, falle ich inzwischen weniger tief und die Misere dauert nicht mehr so lange, wie es früher der Fall war. Ich habe tatsächlich viel gelernt in diesen 53 Wochen, in denen Vieles sehr, sehr schlimm war, in denen es aber auch schöne Momente gab. In denen ich viel über mich (und andere) gelernt habe, in denen ich durch extreme Emotionen gegangen bin, durch Aufgewühltheit und Verzweiflung auf der einen Seite, Gleichgültigkeit und Leere auf der anderen.

Ich bin dankbar für diese 53 Wochen, denn ich habe noch Glück gehabt. Ich stand nicht auf dem Geländer einer Brücke und habe überlegt zu springen. Ich bin aus der tiefsten Phase wieder herausgekommen, und ich habe enorm wichtige Sachen gelernt. Ich lebe. Noch ist sie bei mir, meine nervige Mitbewohnerin, aber zur Zeit bin ich optimistisch, dass der neue Abschnitt, der morgen beginnt, ein guter sein wird. Dass ich ihn mit der Rest-Depression im Schlepptau schaffen werde. Und vielleicht ist ihr mein neuer Alltag im Büro und ohne tägliches Gefühlsdrama ja viel zu fad, sodass sie eines Tages keinen Bock mehr auf mich hat. Schön wäre es.

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11 Gedanken zu “53 Wochen

  1. Ich wünsche dir ebenfalls viel Kraft und Mit für morgen. Auf dass der Tag ein guter wird und sich die Erkältung bald verzieht! ♥️

  2. Ich wünsche dir ganz viel Kraft! Und Freude! Und Mut!

    Ich war selten so müde und ausgelaugt wie nach meinem ersten Zwei-Stunden-Tag in der Wiedereingliederung. Aber es tat so gut!!! Es war gut rauszukommen und sich nicht mehr „nur“ mit mir selbst zu beschäftigen.
    Und es tat gut zu sehen, dass ich stark war und Sachen aushalten konnte, die mich noch ein Vierteljahr vorher einfach umgehauen hätten.
    Am besten war tatsächlich die Ablenkung. Menschen um mich, die nicht die Depression sehen, teilweise nicht mal davon wissen.
    Mein Kopf war beschäftigt mit so vielen Informationen, dass für andere Gedanken gar keine Zeit mehr war. Es war schwer – und wunderbar!

    Ich bin seitdem nie wieder so tief gefallen. Die Depression ist immer ein Teil von mir. Aber ich habe gelernt damit zu leben und wir kommen ganz gut miteinander klar.

    Ich wünsche dir, dass der morgige Tag ein guter wird. Und alle darauffolgenden auch!!!

    Von Erna zu Erna … alles Gute!!!

    1. Danke Dir, liebe Erna ❤️
      Auf diesen positiven Effekt hoffe ich auch. Ich muss gerade noch eine nervige Erkältung loswerden. Der Start wird also nicht ganz so wie erhofft, aber ich werd‘s schaffen 💪🏻

      Dir auch weiterhin alles Gute – auf dass es so bleibt!

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