Die verdammte Hilflosigkeit

Hätte ich nur ein Wort, um damit meine Depression zu charakterisieren (mit Depression ist in diesem Fall ganz ernst meine Krankheit gemeint, nicht meine pöbelnde und bockige Mitbewohnerin, von der auf meinem Twitteraccount die Rede ist), so wäre es Hilflosigkeit. Dieses eine Wort erfasst, wie ich mich den größten Teil der dunklen Phasen fühlte, aber auch, wie meine (und nicht nur meine) Umwelt dieser Krankheit häufig gegenüber steht.

Es ist nicht das erste Mal, dass mir die Psyche entgleist ist. Bereits früher hat mir eine dieser Entgleisungen einen bunten Strauß verschiedener Phobien, eingewickelt in eine herrlich kreative Zwangsstörung, beschert. Nach anfänglicher Verzweiflung und der Überzeugung, verrückt zu werden sowie nach den darauf folgenden Jahren Arbeit an der offenen Psyche, habe ich diese Krankheit verstanden und weitestgehend in den Griff bekommen. Ich hatte eine tolle Verhaltenstherapeutin, die mich wieder in die Spur gesetzt und mir die Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht hat. Ein paar Reste hier und da gibt es noch, aber die sind kaum der Rede wert, und insgesamt wurde mein Leben wieder normal. Gut, dachte ich mir, wird mich die Zwangsstörung also immer mal wieder begleiten, wenn das Leben große Umbrüche für mich bereithält. Sie wird gelegentlich mal aufmüpfig werden, ich werde den Werkzeugkoffer hervorholen und ein bisschen heimwerken müssen – hier eine kleine Expositionsübung, dort eine Konfrontation, bisschen Angst, bisschen Panik und am Ende tief durchatmen – und dann lebe ich weiter fröhlich bis an mein Lebensende.

Und dann kam die Depression. Mit ihr hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Sie erwischte mich von hinten durch die kalte Küche, während ich noch vorne in der Tür stand und die Gegend nach neuen Phobien und Zwängen absuchte. Selbige kamen nicht, stattdessen nahm mich langsam aber sicher die Depression in den Schwitzkasten. Ich wehrte mich, stritt ab, dass ich depressiv wurde und kämpfte gegen das innere Unbehagen an. Als dieser Kampf verloren war und ich einsah, dass ich nun mit einer Depression da saß, blieb ich einfach sitzen und tat nichts. Nein, das ist nicht richtig. Ich tat durchaus etwas: Therapie, Mackendrops, Sport, Ergotherapie, denken, reden, weinen, heulen, schluchzen, denken, noch mehr denken und im Kreis denken, bis mein Hirn vor Schwindel kotzte. Aber mein Gefühl sagte mir: „Du tust überhaupt nichts. Du liegst da herum, starrst die Wand an, aber mehr tust Du nicht.“ Denn anders als bei der Zwangsstörung hatte ich erstmal nichts in der Hand. Keine Konfrontationsübungen, kein Bepöbeln fremder Menschen, kein Rückwärtslaufen durch die Fußgängerzone – nüscht. Der eigentliche Kampf findet nämlich zu einem nicht unerheblichen Teil im Unbewussten statt. Dort rennen tapfere kleine Hobbits nach Mordor um gegen etwas zu kämpfen, das für sie eigentlich viel zu groß scheint. Das Bewusstsein bekommt von diesen Kämpfen allerdings nur wenig mit und hat das Gefühl, nichts zu tun oder nichts tun zu können. In den Therapiestunden können unbewusste Kämpfe sichtbar werden: dann werden sie an die Oberfläche gezerrt und das Ich bekommt eine Ahnung davon, was in seinem Inneren alles abläuft, während es wegguckt.

Während ich meine Zwänge nach Jahren des Lernens gut kannte, wusste, was sie von mir wollten, wie ich ihnen aufs Dach steigen und was ich aus ihnen lernen konnte, wusste ich über meine Depression: nichts. Und während ich bei der ersten psychischen Großwetterlage Ratgeber um Ratgeber verschlungen hatte, alles wissen wollte, was es über Zwangsstörungen zu wissen gab, kaufte ich mir beim zweiten Mal genau ein Buch, in dem ich etwas herumlas. Die Interessen- und Antriebslosigkeit der Depression verhinderte, dass ich mich schlau machte. Stattdessen saß ich ohne Werkzeugkoffer da, hatte keine Ahnung, was mit mir passiert, was noch kommen würde, wie lange es noch dauern würde – ich fühlte mich hilflos. Da eine Psychoanalyse ganz anders funktioniert als die pragmatische Verhaltenstherapie, fühlte ich mich durch die Therapie zunächst auch nicht von dieser Hilflosigkeit befreit. Stattdessen lernte ich meine Depression auf einem weniger pragmatischen und viel langsameren Weg kennen. Ich ließ die Zügel meines Unterbewusstseins zähneknirschend locker (und nein, so flauschig flockig wie es klingt gelang es nicht und gelingt es bis heute nicht) und während dort die Kämpfe gefochten wurden, versuchte ich an der Oberfläche, neue Wege zu finden, der Großwetterlage Herr zu werden. Einige Strategien aus der Verhaltenstherapie waren hilfreich, das ständige Reden (sei es in der Therapie oder mit Freunden) machte innere Konflikte sichtbar, aber im Großen und Ganzen fühlte ich mich sehr häufig wesentlich hilfloser, als es zur Zeit der Zwänge der Fall gewesen war. Ich begann sogar, mir dieses miese Lumpenpack zurück zu wünschen, allein weil ich es zu handhaben wusste. Ich bin inzwischen auf einem guten Weg, aber noch immer ist die Depression für mich eine Krankheit, die geprägt ist durch Verlust von Interesse, Freude, Glück, Antrieb und Kampfgeist – Verluste, die mich hilflos zurückließen.

Als Betroffene bin ich jedoch nicht die einzige, die unter der Hilflosigkeit leidet, denn die Depression hat zwar mich befallen, wirkt sich aber in variierendem Maße auch auf meine Umwelt (Familie, Freunde, Kollegen…) aus. Für diejenigen, die weit weg wohnen, mag es schwierig sein, einzuschätzen, was genau los ist, wie ernst es ist und was sie tun sollen bzw was sie überhaupt tun können. Das macht hilflos. Hilflos in Anbetracht einer Krankheit, die für Außenstehende so schwer zu verstehen und so wenig nachvollziehbar ist. Für diejenigen, die nah dran sind und sehen, wie es mir geht, muss es schwer sein, wenn ich ihre Ideen und Vorschläge ablehne. Wenn sie versuchen zu helfen und doch nur das Gefühl bekommen, gegen eine Wand zu laufen, da ich Ideen und Vorschläge nicht annehme oder nicht umsetze. Auch das macht hilflos. Wie soll man jemandem helfen, wenn der oder die Betroffene nicht nicht oder nicht genug darüber redet, was los ist? Weil sie es nicht kann, nicht will, oder weil ihr selbst gar nicht klar ist, wie genau es ihr geht, was sie braucht, wie schlimm es eigentlich ist? Wenn sie gut gemeinte Ratschläge ablehnt? Wenn sie mit einer Krankheit kämpft, von der man selbst zu wenig weiß? Die viel zu vielseitig und individuell ist, als dass es den einen Kracherratschlag geben könnte?

Eine Depression ist kein grippaler Infekt, der mit bewährten Mitteln und genügend Bettruhe in den Griff zu bekommen ist, wenn er erst einmal zugeschlagen hat. Sie ist mehr wie das Grippevirus, das jährlich seine Form ändert und dadurch schwer vorhersehbar ist. Die Depression mag sich nicht jährlich in ihrer Form ändern, aber sie ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und so ist es auch von Betroffenem zu Betroffenem unterschiedlich, was wirklich hilft. Gerade, wenn man dieser Krankheit zum ersten Mal gegenüber steht (sei es als Betroffene, sei es als Teil der „betroffenen Umwelt“), gilt es, Erfahrungen zu sammeln. Die Krankheit und sich selbst oder den Betroffenen mit der Krankheit kennen zu lernen. In Erfahrung bringen, was hilft, seinen eigenen Umgang damit finden. Miteinander reden, zuhören, einfach da sein. Dem Betroffenen das Gefühl geben, dass er nicht allein ist, und man bei Bedarf hilft – wie auch immer diese Hilfe dann aussehen soll. Und vielleicht müssen alle Beteiligten lernen, dass man in bestimmten Situationen – wenn alles Machbare angeleiert ist – manchmal auch einfach hilflos bleiben darf.*

*Ich möchte an dieser Stelle betonen, wie wichtig es ist, mit jemanden, dem es nicht gut geht und von dem man denkt, er benötigt Hilfe, zu reden und ihn auch zu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch auch, wenn ein Betroffener bereits in Behandlung ist, kann bei allen Beteiligten das Gefühl von Hilflosigkeit auftauchen, denn im Gegensatz zu einer Aspirin wirkt eine Therapie leider nicht von jetzt auf gleich. Es braucht Zeit und Geduld. Da hilft es nicht, auf Biegen und Brechen etwas raten zu wollen, sei es noch so gut gemeint. Diese Situation meine ich, wenn ich schreibe, dass man auch einfach mal hilflos sein darf.

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15 Gedanken zu “Die verdammte Hilflosigkeit

  1. Bin gerade auf deinen Blog gestoßen. Und ich erkenne mich in so vielen Gedanken wieder. Ich habe den gleichen Krankheitsweg Ängste, Zwangsstörung und jetzt Depression. Und tatsächlich wünsche ich mir manchmal den Zwang zurück. Also wenn es schon eine psychische Krankheit sein muss. Genauso wie du sagst, war das irgendwie greifbarer. Die Arbeitslosigkeit der Depression macht mich hilflos. Jedenfalls Danke fürs Schreiben. Es tut gut zu sehen, dass man nicht allein ist.

    1. Danke für Deinen Kommentar, liebe Sophia! Es tut mir leid zu hören, dass Du den ganzen Mist auch kennst 😕
      Nein, Du bist definitiv nicht allein!
      Hoffe, dir geht’s ok und Du hast Hilfe 🙂

      1. Das ist sehr gut. Ich steck auch gerade in der zweiten.
        Ja, Medikamente nehme ich auch. Manchmal muss man da bisschen länger herumprobieren, bis man das richtige gefunden hat. Ich drück Dir alle Daumen!

  2. … und manchmal ist es auch okay, nicht zu „helfen“, sondern den Menschen bzw. sich gegenseitig einfach nur in den Arm zu nehmen und still da zu sein.

    Danke, liebe Erna, du fandest wieder einmal gute, wichtige Wörter.

    1. Helfen hat so viele unterschiedliche Gesichter (um die es in diesem Text aber bewusst nicht ging), und umarmen ist eins davon. Aber ich bin eh ein großer Unarmungsfan 🙂

      Ich danke Dir sehr, liebe Ulrike ❤

      1. Ich gestehe: mein rotes Tuch sind Menschen mit Helfersyndrom. Da fang ich irgendwann an zu wüten – was blöd ist, weil die ja auch nix dafür können.

        Eigentlich wollte ich auch nur sagen, dass ich das soo gut nachvollziehen kann mit der Hilflosigkeit auf allen Seiten.
        Und Umarmungen sind großartig!

  3. Ich lasse sogar das „Hilf-“ weg und nenne sie nur Losigkeit

    Appetit-, Schlaf-, Freud-, Antriebs-, Kraft-, Freud-, Scham-, Mut-, Lust-, Arbeits-, Zeit-, usw. usf. etc. da capo al fine …

    1. Da stimme ich Dir zu. Es fehlt an allem. Aber für mich war dieses Gefühl von Hilflosigkeit, wenn mir bewusst wurde, was alles fehlt, das Schlimmste.

      1. Damit war ich nach der Zwangsstörung größtenteils durch. Aber da war sie immens. Und hätte ich die Zwangsstörung nicht gehabt, wäre die Scham bei Depression auch da gewesen. Und das ist traurig, niemand sollte sich für eine Krankheit schämen müssen.

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